| Gibt
es Hilfe für Nahost?
27. Juli 2006
Es herrscht Krieg im Nahen Osten.
Es stockt der Atem vor Entsetzen. Wie weit können Menschen
gehen! Warum haben sie keine Hemmschwelle mehr? Warum können
sie es sich leisten, vor den Augen der Weltöffentlichkeit
dies zu tun?
Wir denken an unsere Freunde in Israel und Palästina
und an die Menschen im Libanon. Sie schreiben uns erschütternde
Briefe. Es ist schwer zu ertragen, täglich das Sterben
und Morden mitanzusehen. Dafür gibt es keinen Trost
und keine Beschwichtigung. Wie sehr in der Seele etwas ringt,
um die Zusammenhänge zu verstehen und den Ausweg zu
sehen! Wie lange schon, wie viele Leben schon mußten
wir Zeuge dieser fürchterlichen Vorgänge sein!
Wir, die wir international beteiligt sind, müssen uns
immer drängender fragen: Was ist jetzt zu tun? Haben
wir eine Antwort? Haben wir eine Antwort, die auch für
die Betroffenen hilfreich sein könnte? Gibt es noch
eine Perspektive für die Beendigung dieses Mordens?
Gibt es überhaupt noch eine Hoffnung auf die Rettung
dieser Erde?
Die Geschichte, aus der wir
alle kommen, ist eine jahrtausendealte Kriegsgeschichte.
Wir alle sind aufgewachsen in Lebenszusammenhängen,
wo wir täglich mit Feindbildern gefüttert wurden.
Es gibt nur eine Antwort auf dieses weltweite Unrecht, das
sich im Moment in Nahost entlädt: Verlaßt diese
Lebenszusammenhänge, verlaßt die Feindbilder,
helft mit, eine andere Welt zu errichten. Diese Entscheidung
ist von uns allen verlangt, wenn wir überwechseln wollen
von einem Zeitalter des Kriegs in ein Zeitalter des Friedens.
Vielleicht sind die grauenhaften Dinge immer noch nötig,
um uns zu den richtigen Entscheidungen zu bewegen. Wir alle
leben in einem weltweiten Vorgang der Transformation, wir
alle müssen unser Leben auf neue Grundlagen stellen.
Die ganze Lösung unserer derzeitigen politischen und
individuellen Probleme liegt auf einer neuen Ebene, auf
der die alten Abgrenzungen und Feindschaften nicht mehr
existieren. Wir danken allen, die in der gegenwärtigen
Kriegssituation die Kraft aufbringen, nicht mit Haß
zu reagieren und somit die große Versöhnung vorzubereiten.
Die Menschheitsgeschichte
war nicht nur eine Kriegsgeschichte, sie war von Anfang
an auch eine Geschichte der Liebe, der Offenbarung und der
Verheißung. Hinter allen Verzerrungen wirken immer
noch die ewigen Ursprünge, die mit dem Wort „Heiliges
Land“ verbunden waren. Israel und Ismael sollten nicht
für immer getrennt bleiben. Die ursprüngliche
Kibbuzbewegung setzte, vor ihrer Militarisierung, ein Feld
der Humanität, an das wir heute anknüpfen können.
Spätere Kibbuzim und Friedensdörfer wie Haduf
oder Neve Shalom/Wahat al Salam und andere nahmen den Impuls
auf und arbeiteten weiter an einem neuen Feld des Friedens.
Gleichzeitig fanden an anderen Stellen der Erde Neugründungen
statt, die sich auf die hinter allen Turbulenzen liegende
„Heilige Matrix“ beziehen. Eine davon ist Tamera
in Portugal. Wir stehen, trotz unserer sozialen und geistigen
Erneuerungen, auf altem historischen und spirituellen Grund.
Es ist, als wäre ein geistiger Strom zu uns nach Europa
gekommen, um eine Arbeit zu verrichten, die jetzt nach Israel/Palästina
zurückgebracht werden kann. Denn wir gehören alle
zusammen, wir sind alle ein Teil des einen großen
Organismus, der sich jetzt ganz und heil auf der Erde ausbreiten
möchte.
Die Bevölkerung in Nahost
braucht jetzt den Schutz einer wachsamen Öffentlichkeit,
die das internationale Schweigen bricht und den Mut hat,
das Unrecht, welches dort geschieht, beim Namen zu nennen.
Wenn wir eine entgleiste Regierung und ein entgleistes Militär
kritisieren, so sind damit nicht „die Israelis“
gemeint. In Israel und Palästina bildet sich seit langem
eine neue Friedensbewegung. Trotz schwerer Sanktionen verweigert
eine wachsende Anzahl von Soldaten den Wehrdienst oder widersetzt
sich den mörderischen Befehlen in den besetzten Gebieten.
Vor einigen Tagen gab es in Tel Aviv eine Demonstration
gegen den Krieg. In den Nachrichten kam kein Wort darüber.
Evi Guggenheim, Mitbegründerin des israelisch-arabischen
Friedensdorfes Neve Shalom/Wahat al Salam“, hat uns
folgenden Brief geschickt: „Wir hoffen alle, daß
dieser Alptraum schnell vorbei ist. Es wird mit der Zeit
für mich immer schwieriger, diese Gewalt, gegen die
sich in mir drinnen jede Faser sträubt, zu ertragen.
Es ist Kriegsatmosphäre, man bekommt sie in jeder Ecke
ständig mit. Wir hören die Flugzeuge in Richtung
Libanon über unseren Köpfen vorbeifliegen. Und
ich verstehe nicht, wie dieser junge Pilot dort oben es
fertig bringt, zu bombardieren. Auf Knöpfe drücken,
so einfach ist das, und so schrecklich. Wie können
wir nur die auf die Knöpfe Drückenden von allen
Seiten dazu bringen, nicht mehr auf die Knöpfe zu drücken?
Und gleichzeitig ist es auf unserem Balkon, wo wir gestern
mit einem Freund aus Österreich zu Abend gegessen haben,
so friedlich... Unsere Kinder kommen gerade, von ihren Freunden
begleitet, vom Jugendclub heim. Eine fröhliche Schar
von Kindern, die bunt durcheinander sprechen, einmal auf
hebräisch, einmal auf arabisch...“
Hinter allem Leid sehen
wir in Israel und Palästina menschliche Vorgänge,
welche das Thema Frieden auf neue Weise in unseren Herzen
verankern. Auf beiden Seiten gibt es Frauen und Männer,
die keinen Haß mehr predigen und keine Rache mehr
fühlen, weil sie zu viel gelitten haben. Es gibt FriedensarbeiterInnen,
die am eigenen Leib das Leid ihrer vermeintlichen Feinde
verstanden haben – für immer.
Ich (Sabine Lichtenfels) komme gerade aus der Schweiz zurück
von einer Friedenskonferenz zum Thema Israel/Palästina.
Mehr denn je habe ich das Gefühl, daß das, was
wir auf solchen Konferenzen diskutieren und planen, den
Realitäten nicht mehr entspricht. Während sich
die einen heißreden über Fragen der Schuld und
der Hintergründe, während sie immer noch glauben,
Partei beziehen zu müssen für die eine oder andere
Seite, ohne den gemeinsamen Hintergrund zu erkennen, spielen
die anderen ihr Spiel unbeirrt weiter: Sie spielen Krieg.
Und unschuldige Menschen lassen ihr Leben für diesen
Wahnsinn.
Die Täter geben an andere weiter, was man ihnen selbst
angetan hat. Es dreht sich das ewig gleiche „karmische
Rad“ dieser ganzen fürchterlichen Geschichte,
bis die Erkenntnis kommt. Die Opfer werden zu Tätern,
die Täter wieder zu Opfern etc. Wenn man es sagt, wird
man wegen „Antisemitismus“ belangt - was schon
sprachlich ein Unsinn ist, weil auch die Palästinenser
Semiten sind. Was für ein militärischer Wahnsinn
dort, was für eine Wahrheitsverdrehung hier! Wie viele
der Journalisten, die einst den Mut hatten, die Wahrheit
über die Kriegsschauplätze dieser Welt zu schreiben,
leben eigentlich noch? Durch unser Schweigen werden wir
zu indirekten Mittätern.
Viele Israelis, auch aus der Friedensbewegung, sagen jetzt:
Wir können doch nicht mitansehen, wie unsere Soldaten
entführt werden. Aber welches Land hat das Recht, auf
die Entführung dreier Soldaten mit einem Krieg und
einer Kollektivstrafe gegen eine ganze Bevölkerung
zu reagieren?
Viele werden wieder einmal empört sein über unsere
„einseitige“ Sicht der Dinge. Sind sie wirklich
nicht darüber informiert, daß das israelische
Militär in der letzten Woche durch seine Angriffe schon
einige hundert(!) Libanesen und Palästinenser umgebracht
hat? Es waren fast alles Zivilisten. Wir müssen wissen,
daß über die wirklichen Vorgänge eine internationale
Nachrichtensperre verhängt wird, der oft auch wir selbst
unterliegen. Wir können es unseren Freunden nicht ersparen,
diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen.
Der Krieg ist heute global
geworden. Menschenrechtsverletzungen wie in Nahost geschehen
heute überall in der Welt, denn der Kampf imperialer
Wirtschaftsmächte gegen machtlose Völker beherrscht
derzeit die ganze Erde. Wir glauben nicht mehr daran, daß
offizielle Politiker und Institutionen die notwendige Wandlung
bewirken werden. Zu oft haben wir erlebt, wie einst engagierte
Mitmenschen vom System verschlungen wurden, sobald sie ein
politisches Amt erhielten. Wir glauben aber an die Initiative
und den Zusammenschluß aller Gruppen, welche entschlossen
sind, dem weltweiten Wahnsinn eine große und realistische
Alternative entgegenzusetzen.
Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch, ein Geschöpf
Gottes und der Welt, er gehört keiner Nation, keiner
Regierung und keinem System. Solange diese Anhaftungen bestehen,
wird es Konflikte geben. Wir leben heute ganz real im Zeitalter
der Globalisierung, darin liegt auch ein Element der Befreiung.
Neben der Globalisierung der Gewalt entsteht die Globalisierung
des Friedens im Sinne einer neuen, weltweiten Solidarität
und Zusammengehörigkeit. Unter dem Druck des Entsetzens
entfaltet sich machtvoll der Keim einer neuen planetarischen
Kraft. Wir sind nicht mehr Kinder eines Staates, wir sind
Kinder der Welt, des Lebens, der Liebe und der Gemeinschaft
mit allen Mitgeschöpfen. Nicht Machtgelüste und
Kanonen haben uns hervorgebracht, sondern die Liebe zwischen
einem Mann und einer Frau. Warum weiterhin in Systemen leben,
die solches Unrecht begehen? Warum nicht voll und ganz mithelfen
bei der Arbeit, all diese Systeme zu überwinden?
Unsere Identität ist planetarisch und nicht länger
national. Wann legen Menschen gemeinsam ihre Pässe
nieder, beginnen mit der großen Völkerwanderung
und verlassen die Staaten, die sich an einer globalen Politik
der Gewalt beteiligen? Wann schließen sich alle Friedenssucher
zusammen, egal aus welchem Land, welcher Religion oder Kultur
sie kommen? Millionen befinden sich bereits auf Pilgerschaft
zu einer neuen Existenz außerhalb von Staaten und
Systemen. Können wir nicht gemeinsam ein großes
Modell der Versöhnung aufbauen? In diesem Sinn arbeiten
wir zusammen mit einer wachsenden Zahl junger Menschen an
dem Ziel, in einer weltweiten Bewegung zu leben und zu arbeiten.
Eine Bewegung, die sich nicht mehr gegen die bestehenden
Verhältnisse aufbäumt, sondern in erster Linie
reale Perspektiven für ein erfülltes Leben entwickelt.
Wir nennen diese Bewegung GRACE – Bewegung für
eine freie Erde.
Bei aller menschlichen Fassungslosigkeit
über die Exzesse von Gewalt und Barbarei: Was steckt
politisch dahinter? Warum wird Israel so großzügig
mit Waffen und Geldern beliefert? Könnte es sein, daß
eine umfassendere, lang geplante politische Strategie dahinter
steckt? Gibt es einen „Krieg nach Plan“? Soll
Israel ein Stützpunkt werden für den amerikanischen
Traum jener großen „Freihandelszone“ von
Algerien bis Pakistan, den sie „Greater Middle East“
nennen? Ist es dasselbe machtpolitische Konzept des Pentagon,
welches heute gleichzeitig den Krieg gegen den Iran vorbereitet
und die militärische Ausrüstung Israels sichert?
Wir wollen hierauf nicht näher eingehen. Es bedürfte
eines Extrabuches mit dem Titel: Was wird heute eigentlich
auf der Erde gespielt?
Es sind Träume von Krieg und Eroberung in immer neuer
Gestalt und immer alter Struktur, die seit Jahrtausenden
die Erde verwüsten. Und sie werden es so lange weiter
tun, bis die Ursachen dieser Fehlentwicklung beseitigt sind.
Die Ursachen liegen in menschlichen und kulturellen Verhältnissen,
die es den Einzelnen nicht ermöglichen, ein Leben in
erfüllter Liebe, erfülltem Sinn, erfüllter
Gemeinschaft und erfüllter Arbeit zu führen. Ein
Leben, das keine Feindbilder mehr braucht. Wann wird die
Jugend der Welt aufhören, der militärischen Einberufung
zu folgen und sinnlosen Befehlen zu gehorchen? Sie wird
dann aufhören, wenn sie im realen Leben eine Perspektive
gefunden hat, für die sich der Einsatz ihrer Kräfte
und Leidenschaften lohnt.
Also muß diese Perspektive
aufgebaut und verwirklicht werden. Durch die Strategie und
Organisation der Gegenseite ist ein Teil der Friedensbewegung
herausgefordert, auf ihre Weise ebenfalls strategisch zu
denken und Zentren der Manifestation zu errichten, in denen
die Möglichkeit einer lebenswerten Zukunft sichtbar
wird. Wir, die Unterzeichner, haben vor fast 30 Jahren angefangen,
solche Zentren vorzubereiten. Wir nennen sie „Heilungsbiotope“,
„Friedensdörfer“ oder „Peace Research
Villages“. (Weitere Informationen dazu im Internet
unter: www.igf-online.org )
In Nahost entscheidet sich
mehr als die Zukunft zweier Völker. Wenn hier Frieden
gelingt, dann wird etwas Neues für die Menschheit gelungen
sein. Wir werden alles dafür tun, was in unseren Kräften
liegt, den Rest wird das Universum selbst verrichten, sobald
wir uns für seine heilenden Kräfte geöffnet
haben. Wir leben ja nicht allein in der Welt, wir kooperieren
in jedem Atemzug und jeder Zellbewegung, in jedem wahren
Wort und jeder versöhnenden Handlung mit jener höheren
Intelligenz, die uns hervorgebracht hat. Die heilende Kraft
wird sich feldhaft auf der Erde ausbreiten, sobald es gelingt,
die Regeln der „Heiligen Matrix“ auf der Erde
zu manifestieren und entsprechende soziale, ökologische
und technologische Strukturen zu schaffen. Die Heilung liegt
in der endgültigen Wiedervereinigung von menschlicher
und göttlicher Welt – jenseits aller herkömmlichen
Religionen. Wir alle ohne Ausnahme befinden uns in diesem
Transformationsvorgang, der uns zur Wiederanbindung an die
höhere Ordnung führt. Das Heilige Land liegt dort,
wo Menschen unserer Zeit diese Botschaft auf neuer Ebene
aufgenommen und verstanden haben. Wir danken für diese
Möglichkeit – und freuen uns auf weitere Zusammenarbeit.
Im Namen der Liebe,
im Namen unserer Kinder,
im Namen der Wärme für alle Kreatur!
Sabine Lichtenfels
und Dieter Duhm
Weitere Informationen:
Institut für globale Friedensarbeit
(IGF)
Monte Cerro, P-7630 Colos, Portugal
Tel: 00351-283 635 484 - Fax: 00351-283 635 374
Email: info@dieter-duhm.de
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