Terror und Liebe
Eine Nachbesinnung zu dem Anschlag
auf die USA
Nach dem Entsetzen, nach
der Angst und der Trauer kamen die Gedanken, die Informationen,
die Schlußfolgerungen. Man hat mich anfangs gefragt,
ob ich es für möglich halte, daß die Amerikaner
selbst den Anschlag inszeniert hätten. Ich habe gesagt,
daß ich diesen Gedanken nicht denken möchte.
Dann aber mehrten sich Indizien, die doch in diese Richtung
wiesen. Nach den Meldungen, die wir durch Internet und glaubwürdige
Personen erhalten haben, sieht es so aus, als ob mehrere
Personengruppen in und außerhalb der USA, auch in
Regierungskreisen, vorher von dem geplanten Anschlag wußten
und an seiner Vorbereitung beteiligt waren. Die Selbstmordattentäter
hätten in diesem Fall nur als ausführende Organe
gedient. Wir waren nicht ganz unvorbereitet auf diese Möglichkeit,
da auch an der Ermordung des früheren Präsidenten
John F. Kennedy erwiesenermaßen Geheimdienste und
hohe Regierungsbeamte beteiligt waren. Wie mag sich jetzt
ein Joschka Fischer fühlen in seiner Haut, der infolge
seiner früheren politischen Ausbildung ahnen dürfte,
welche Spiele heute gespielt werden? Wie mag sich eine Renate
Künast fühlen, die bei den irrsinnigen Maßnahmen
gegen Rinderwahn und MKS schon gemerkt haben dürfte,
daß diese Dinge von anderen Mächten inszeniert
waren? Was werden die Medien unternehmen, um alle Verdachtsmomente
zu verdrängen? Es gibt eine wachsende Friedensbewegung,
die nicht mehr bereit ist, der öffentlichen Propaganda
in den Medien zu glauben.
Bevor ich auf das eigentlich
Thema komme, möchte ich drei Dinge sagen zur politischen
Einschätzung. Erstens: Es war ein Anschlag auf die
Machtsymbole der USA. Indem diese Symbole zerstört
werden konnten, ist die Macht schwächer geworden, egal
welche Absichten dahinterstanden. Zweitens: Es waren Symbole
einer falschen Macht, die durch ihre globale Wirtschaftspolitik
unsäglichen Schmerz in der Welt verbreitet hat. Wir
haben getrauert um die Opfer und ihre Angehörigen.
Wer aber trauert um die alltäglichen Opfer in der Dritten
Welt? Es gibt kein Land auf der Erde, das weltweit so viele
Völker ausbeutet, so viele Menschenleben auslöscht,
so viel Natur zerstört wie die imperiale Wirtschaftspolitik
und Lebensweise der USA. Insofern war der Anschlag von Seiten
der Attentäter auch eine Tat der Verzweiflung. Drittens:
Die globale Friedensbewegung wird sich auf die Grundlagen
eines wirklichen Friedens besinnen und viele neue Anhänger
gewinnen. Der 11. September diente, wenn man so will, einem
„Fundamentalismus des Friedens“, der jenseits
aller ideologischen Muster steht. Es entsteht eine neue
Kraft, die weit mehr ist als bloße Reaktion auf das
Böse. Auf vielen Autos finden wir jetzt schon den Aufkleber:
Nicht Rache, sondern Besinnung. Es gilt für uns, für
die USA, für Palästina. Könnte es nicht auch
für alle unsere enttäuschten Liebesbeziehungen
gelten?
Ich habe gemerkt, daß
ich nicht mehr hassen kann. Je mehr Grauenhaftes auf der
Erde geschah, desto mehr erlosch der Haß. Je mehr
Ungerechtigkeit und Lüge gegen mich selbst gerichtet
war, desto weniger konnte ich an Rache denken. Ich hätte
mich sonst manchmal auch an mir selber rächen müssen.
Wir erleben im Äußeren die Eruptionen eines Systems,
welches im Inneren auf Gewalt und Angst beruht. Dieses System
ist auch in uns selbst. Friedenswille ist nicht mehr nur
ein Aufschrei gegen äußere Verhältnisse,
sondern Friedenswille ist die entschlossene Veränderung
unserer eigenen Lebensverhältnisse.
Ich glaube an das ursprünglich Gute im Menschen. Ich
glaube an die göttliche Grundnatur des Menschen wie
aller anderen Wesen. Ich glaube auch - man verzeihe mir,
wenn es wie Hohn klingt - ich glaube mehr denn je an die
Macht der Liebe. Ich glaube an nichts mehr als an die Macht
der Liebe, wenn es um die Frage geht, ob Mensch und Erde
noch zu retten sind. Das sind keine Worte mehr, keine Lippenbekenntnisse,
sondern Buchstaben, die das Leben in mich so lange hineinbuchstabiert
hat, bis ich sie wieder lesen und verstehen konnte. Im Eifer
einer über dreißigjährigen politischen Projektarbeit
hatte ich diese Wahrheit fast vergessen; jetzt kommt sie
wieder. Und sicher nicht nur bei mir. Ich schreibe diese
Zeilen in der Gewißheit, daß wir uns in einem
wachsenden Lichtnetz von Menschen befinden, die alle, aufgerüttelt
durch die Katastrophe, bereit sind, ihr Letztes zu geben
für den Aufbau einer neuen Welt des wirklichen Friedens
auf der Erde.
Es gibt nicht mehr die Schuldigen und die Unschuldigen im
alten Sinn. Wir müssen nicht die Schuldigen suchen
und beseitigen, sondern die Ursachen. Die Ursachen liegen
in einem weltweiten System von Ausbeutung und Barbarei,
getragen von Wirtschaftsverbänden, Regierungen, Militärs
und Geheimdiensten. Sie liegen in einer falschen Wirtschaftsordnung,
welche auf Konsum, Naturzerstörung und Ausbeutung der
armen Welt basiert. Sie liegen in einem Lebenssystem von
Beruf, Ehe, Karriere und Konsum, welches dieser Ausbeutung
zugrunde liegt und an welchem wir alle mehr oder weniger
teilhaben. Sie liegen auch in den Schlachthöfen und
den Tierlaboratorien, mit denen wir täglich den Schmerz
der Welt vergrößern.
Es hat keinen Sinn mehr, die Ursachen nur im Äußeren
zu suchen, sie liegen längst in unserem Inneren. Das
Unglück in unseren Liebesbeziehungen, millionenfach
reproduziert, kann keine heilsame Politik hervorbringen.
Es kann in der Welt keinen Frieden geben, solange in der
Liebe Krieg ist. Was die Täter der Welt vollbringen,
ist die Folge eines globalen „Liebeskummers“
von Verlassenheit, Betrogenheit und Einsamkeit. Sie selbst
sind ja nicht nur Täter, sondern auch Opfer eines Systems,
das ihnen nie die Gewißheit der Liebe und die Ruhe
des Vertrauens geben konnte. Was Milosovic in Jugoslawien
getan hat, wäre nicht wirklich verständlich, wenn
wir nicht diese Information hätten: Seine beiden Eltern
haben Selbstmord begangen, als er noch ein Kind war. Ist
es nicht berechtigt, auch an ihn die alte Mignon-Frage zu
stellen: Was hat man dir, du armes Kind getan?
Es gilt in der Welt ein holografisches Gesetz: Was wir im
Äußeren erleben, ist die Hinausprojektion unserer
eigenen inneren Vorgänge. Die politische Bühne
unserer Zeit ist ein Spiegelbild der inneren menschlichen
Bühne unserer gesamten Zivilisation. Es kann im Äußeren
keinen Frieden geben, solange wir im Inneren mit Feindbildern
und Haßgedanken herumlaufen. Das gilt in der Politik
ebenso wie in der Liebe. Dies ist die Botschaft dieser Tage.
Sie verlangt viel von uns, aber sind wir nicht zu vielem
bereit?
Die Befreiung, um die es
heute geht, ist nicht mehr die Befreiung von äußeren
Feinden, denn wir haben keine äußeren Feinde
mehr. Wir stehen heute vor der Befreiung von jenen inneren
Nöten, die uns die Fähigkeit genommen haben, funktionierende
Gemeinschaften aufzubauen in dem Sinne „Einer trage
des anderen Last“. Nicht an der Überlegenheit
eines äußeren Feindes, sondern an der Unfähigkeit
des Zusammenlebens ist die Neue Linke vor 30 Jahren gescheitert.
Wir waren fähig, miteinander gegen den Staat zu kämpfen,
aber wir waren nicht fähig, miteinander zu leben. Wir
wußten, wogegen, aber nicht wofür wir eintreten
sollten. Wir hatten den Eifer und den Kampf, aber wir kannten
nicht die Grundlagen für Liebe und Gemeinschaft.
Große Friedensarbeiter haben im vorigen Jahrhundert
gegen große Unterdrückungen gekämpft: Mahatma
Ghandi, Martin Luther King, Jacques Lusseyran, Nelson Mandela,...
Große Frauen haben die Macht des Friedens in den Alltag
der Menschen getragen: Ruth Pfau, Aung San Sui Kyi, Dhyani
Ywahoo, Gloria Cuartas... In Fortsetzung ihrer Arbeit und
teilweise in aktueller Kooperation mit ihnen müssen
wir jetzt den nächsten Schritt tun: Das ist die Einleitung
einer Evolution, in welcher wir fähig werden, angstfrei
miteinander zu leben in Freude und gemeinsamer Arbeit für
den Garten der Erde. Liebe ist die Wiedereinbettung der
menschlichen Gemeinschaft in die große kosmische Familie,
der wir alle angehören.
Die Liebe wächst nicht von allein, wenn sie umstellt
ist von Argwohn und Mißtrauen. Das Herz braucht unsere
Unterstützung, um sich öffnen zu können.
Wir müssen um unsere Herzen herum neue mitmenschliche,
neue soziale und ökologische Strukturen bauen, damit
Liebe und Solidarität Dauer erhalten. Die Erde braucht
„Stützpunkte der Liebe“, in denen sich
die neuen sozialen, sexuellen, ökonomischen und ökologischen
Strukturen entwickeln können. Vor vierzig Jahren bestand
das Hauptthema der Forschung darin, technologische Strukturen
für die Raumfahrt zu schaffen, heute besteht das Hauptthema
darin, dauerhafte gesellschaftliche Strukturen für
die Liebe zu schaffen, Strukturen der Kooperation mit Natur
und Schöpfung. Das ist ein neuer Gedanke. Wir brauchen
ein neues gesellschaftliches Fundament des Friedens. Damit
wir in uns, in unseren Liebespartnern, in unseren Mitmenschen
und in allen Mitgeschöpfen das Göttliche wieder
sehen und lieben können, brauchen wir ein neues gesellschaftliches
Gefäß, welches die heilige Matrix des Lebens
und der Liebe in sich aufnehmen und verwirklichen kann.
Wir brauchen „Gewächshäuser des Vertrauens“,
wo die alten Wunden heilen können. Wir brauchen Gemeinschaften
und Nachbarschaften, wo Kinder ihren Eltern wieder glauben
können und wo die Liebe, mit der sich Menschen begegnen,
nie mehr betrogen wird. Die Liebe darf nicht mehr für
immer verbunden sein mit Trennungsschmerz und Verlustangst.
Haben wir gesehen, wie die Seelen und die Leiber aufatmen,
wenn wie lieben dürfen ohne Angst? Wieviel pharmazeutische
Industrie, wieviele Tierlabors, wieviele Krankenhäuser
werden uns erspart bleiben, wenn unsere Zellen und Organe
ein großes Bad nehmen dürfen im Strom der Hingabe
und der Liebe! Wir brauchen Sanktuarien, wo die Heilungskräfte
stärker sind als die erlittenen Schmerzen und wo die
Lebensfreude größer ist als alle angestaute Wut.
Wir wollen daran arbeiten, daß in der großen
Menschengemeinschaft Netzwerke des Vertrauens entstehen,
die stärker werden als die Netzwerke der Gewalt.
Wir wollen für immer aufhören mit dem unsinnigen
Kampf gegen die Natur und ihre Wesen einschließlich
der sogenannten Schädlinge. Wir brauchen Friedensgärten
statt chemischer Monokulturen. Natur und Mensch sind zwei
Aspekte desselben Lebens, wir sind alle Aspekte des Einen
Seins und des Einen Bewußtseins. Wir sind angelegt
auf Kontakt und Kommunikation mit allen Mitgeschöpfen...
Sie begegnen uns in vorbehaltloser Freundschaft, wenn wir
ihnen mit Behutsamkeit und Liebe entgegenkommen.
Wir brauchen ein befreiendes Konzept der sinnlichen Liebe,
damit wir wieder fähig werden zu der großen Freude
und dem großen Dank für dieses wunderbare Geschenk
an den Menschen. Wir brauchen für unsere sexuellen
Kräfte eine neue, bejahende, integrierende Ordnung,
welche die Freude unterstützt und nicht das schlechte
Gewissen. Wir brauchen den Schutz und die Pflege der erotischen
Freude, weil wir ahnen, daß Lust und Liebe Geschwister
sind. Wir brauchen eine Ordnung der Geschlechter, wo man
nicht mehr betonen muß, daß Frauen gleichberechtigt
sind, weil es selbstverständlich ist und weil niemand
mehr auf den Gedanken kommt, daß es nicht so sein
könnte. Eine neue Kulturbildung entsteht auch aus einem
neuen Verhältnis der Geschlechter. Wir brauchen eine
Kulturbildung, die aus alten weiblichen Quellen der archaischen
Hochkulturen schöpft und dennoch Wissenschaft und Technik
nicht einfach über Bord wirft. Es ist göttlich,
die Mysterien alter Steinkreise zu entschlüsseln, und
es ist ebenso göttlich, die holografischen Strukturen
unserer Welt zu entdecken. Wir brauchen die Wiederverbindung
mit der göttlichen Quelle, die uns auch in Notzeiten
mit Leben und Freude füllt, wenn äußere
Befriedigungen nicht mehr möglich sind. Wir brauchen
die tiefe Ruhe in der Heiligung und Segnung unseres Lebens.
Wir brauchen diese Dinge für eine neue Kooperation
mit der Schöpfung. Dann arbeiten wir nicht mehr nur
aus eigener Kraft, denn das Universum, das in uns allen
ist, ist unser Kooperationspartner geworden.
Von der Wurzel her sollen die Bedingungen einer humanen
Kultur verstanden und verwirklicht werden. Wir alle wurzeln
in dem großen Einen Sein, das allen Wesen gemeinsam
ist. So laßt uns Lebensformen finden, wo alle Fragmente
dieses Einen Seins - Mann und Frau, Mensch und Natur, Materie
und Geist, Diesseits und Jenseits, Kunst und Wissenschaft,
Religion und Eros - wieder zusammenkommen. Dies ist das
große Projekt in unserer Zeit, dem wir uns verschrieben
haben. Es ist nicht das Projekt kleiner Gruppen, sondern
ein Projekt der Menschheit. Wir alle sind dabei, eine neue
Stufe, eine neue Oktave des Lebens zu betreten. Die großen
Systeme werden so lange zerfallen, bis sie auf jene Lebenseinheiten
gestoßen sind, die nicht zerfallen können, weil
sich in ihnen die neue Kraft verbreitet. Durch alle Irrtümer
und Fehler hindurch, die wir dabei unvermeidlich machen,
werden wir diesen Weg nicht mehr verlassen können.
Es ist unser Dienst an der Welt. Gott schenke uns die Weisheit
und die Ruhe, um die heilige Matrix in allen Dingen zu erkennen
und ihr zu folgen. Ich bitte alle helfenden Kräfte
um Unterstützung und Mitarbeit. Ich danke allen Heilungsarbeitern
dieser Erde. Möge der Zusammenbruch der alten Machtsymbole
den Weg öffnen für die neuen autarken Systeme
des Friedens.
Im Namen der Wärme für alles, was Haut und Fell
hat.
Dieter Duhm
IGF Tamera, 22.9.2001
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