Dr. Dieter Duhm
   Schriften
 

Themenauswahl nach Erscheinungsdatum
• 2008: GLOBALISIERUNG DES FRIEDENS UND HEILUNG DER ERDE
• 2007: AUFBAU FUTUROLOGISCHER ZENTREN
  DEN GLOBALEN KRIEG BEENDEN
  Die 7 Thesen
• 2006: Stellungsnahme zur Lage in NahOst
  Gibt es eine realistische Chance auf einen weltweiten Frieden?
  Theorie der globalen Heilung
  Aufruf zur Kriegsdienst-
verweigerung
• 2005: Die Kriegsgesellschaft und ihre Transformation
• 2004: Das Experiment Monte Cerro
Projekterklärung 1

  Zum Tod von Yassir Arafat
• 2003: Revolution für einen globalen Frieden
Stellungnahme zum Krieg in unserer Zeit.
  Frieden für Palästina
• 2002: Es reicht
Zuerst BSE, jetzt Maul-und Klauenseuche

  Das Projekt der Friedensdörfer
• 2001: BSE-Der Wahnsinn des  Menschen
Terror und Liebe
Eine Nachbesinnung zu dem Anschlag auf die USA

Das Entsetzen in Worte fassen
Gedanken zur aktuellen deutschen Politik
• 1999: Tamera-Manifest
• 1997: Zehn Punkte für Gemeinschaften der Zukunft
• 1992: 12 Thesen für eine gewaltfreie Erde
• 1988: Gewaltlosigkeit
Versuch einer Antwort
• 1986: Die neue Schöpfung
• 1968: Mannheimer Papier

zum Tod von Jassir Arafat


Ein großer Mensch ist gestorben. Er war die Symbolfigur des palästinensischen Volkes, weil er in der Lage war, selbst unter größter Gefahr für das eigene Leben (Beirut 1982 etc.) seinem Volk die Treue zu halten. Er ist nicht in jene Fallstricke getreten, mit denen heute die kleinen Völker der Erde angekettet werden an den weltweiten Machtapparat der Globalisierung.

Trotzdem mußte er sich einlassen auf diplomatische Manöver, die oft im Gegensatz standen zu den Interessen seines eigenen Volkes. Auf diese Weise geriet er zwischen alle Fronten.

Arafat war ein Revolutionär, aber kein Terrorist. Als Revolutionsführer der ehemaligen FATAH und späteren PLO war er fähig, alten Feinden die Hand zur Versöhnung zu reichen (Rabin etc.). Er kannte einen Weg der Freiheit und der Humanität, und er war bereit, von seinem eigenen Volk einen großen Verzicht für diese Ideale abzuverlangen (Anerkennung des israelischen Staates, Verzicht auf Rückkehr in die verlorenen Gebiete etc.).
Er kannte aber auch die Verzweiflung seines Volkes gegenüber der imperialen Machtpolitik des Militärstaates Israel. Er kannte die Not derer, denen man die Olivenhaine abgehackt, das Wasser abgedreht und die Häuser niedergewalzt hatte. In dieser schwierigen Lage hat er sicher nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen. Wenn Sie, verehrte Leser, mitansehen müßten, wie Ihre Freunde erniedrigt und getötet werden, wären Sie dann in der Lage, die Wut in Ihren eigenen Reihen zu besänftigen und mit den Tätern friedlich zu verhandeln?

Natürlich haben auch viele Israelis dieselbe Not mitansehen müssen. Trotzdem muß man sehen: Israel hätte die Macht und die Gelder für eine andere Lösung des Konflikts. Mit internationaler Unterstützung könnten sie dafür sorgen, dass die Palästinenser, die dasselbe Land mit ihnen teilen, eine lebenswerte Zukunft hätten. Aber der israelische Staat ist Teil eines internationalen Machtkartells, er wird unterstützt von ausländischen, vor allem amerikanischen Geldern und Waffen. Das führt unzählige Menschen aus dem eigenen Volk, die diese Lage gar nicht überblicken können, und unzählige Palästinenser in maßloses menschliches Elend.
Arafat stand in einem Konflikt, der menschlich nicht mehr zu lösen war. Kaum ein politischer Führer unserer Zeit hatte es mit einer so unslösbaren, grausamen Situation zu tun wie Jassir Arafat. Dazu kam die zunehmende Einengung und Zerstörung seines eigenen Lebensraumes, den er in den letzten Jahren kaum noch verlassen durfte. Hier sind mit Sicherheit die Gründe seiner Krankheit zu suchen.

Es geht nicht um eine Verherrlichung von Arafat, große Menschen machen manchmal große Fehler. Es steht uns nicht zu, seinen Charakter zu beurteilen. Es geht nur darum, der allgemeinen Nachrichtenfälschung entgegenzuwirken und mitzuhelfen, die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Man wird vielleicht sagen, wir seien zu einseitig. Wir achten und ehren die jüdische Kultur, und wir wissen, welchen Verfolgungen das jüdische Volk zu fast allen Zeiten seiner Geschichte ausgesetzt war. Wir standen immer mit echtem Respekt vor dem Wunsch der Juden nach einer Wiedervereinigung im Heiligen Land. Aber gerade deshalb müssen wir unsere Stimme erheben, denn was heute in Nahost geschieht, hat weniger mit dem Heiligen Land zu tun als mit der Geld- und Militärpolitik eines internationalen Machtkartells.

Bitte glauben Sie nicht den Informationen, die Ihnen durch die öffentlichen Medien serviert werden, erkundigen Sie sich bei authentischen Quellen, lesen Sie zum Beispiel die Bücher von intimsten Israel-Kennern wie Felicia Langer, Uri Avnery oder Ernest Goldberger. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit wird hier ein Volk zugrunde gerichtet, ohne daß jemand ernsthaft einschreitet. Ist es wirklich falsch, hier Vergleiche zu ziehen mit dem, was in Deutschland und in der damaligen Weltöffentlichkeit unter Hitler geschah? Auch hier hat die Welt viel zu lange die Augen geschlossen. Sollen wir heute wieder einmal schweigen? Schweigen zu den Massakern, welche die USA in Lateinamerika, Afghanistan, Irak etc. anrichten? Schweigen zu den Massakern, die Putin in Tschetschenien, Ossetien etc. anrichtet? Schweigen zu den ungeheuren Verbrechen, die China tagtäglich in Tibet begeht? Schweigen zu den Verwüstungen, die Israel in Palästina anrichtet ...? Es ist eine Verdrehung der Wahrheit, wenn man behauptet, die israelischen Gewaltaktionen seien die Antwort auf palästinensischen Terror. Es war eher umgekehrt: Der palästinensische Terror war die Antwort auf die (von den USA unterstützte) Eroberungspolitik Israels. Man muß wissen, in welchem Ausmaß Israel spätestens seit dem Sechstagekrieg 1967 gegen das geltende Menschenrecht und Völkerrecht verstoßen hat, dann versteht man die Situation der Palästinenser.

Man sagt, das sei Antisemitismus?
Hat man vergessen, daß Israelis und Palästinenser gleichermaßen Semiten sind? Antisemitismus war unter Hitler das, was den Juden angetan wurde. Antisemitismus ist heute das, was von israelischer Politik und israelischem Militär mit internationaler Unterstützung den Palästinensern angetan wird. Der Holocaust im Faschismus darf nicht eine ewige Entschuldigung bleiben für die heutigen Taten Israels und für das Schweigen der Medien und Politiker. Hören wir auf, mit Vokabeln zu operieren, mit denen sich schon immer das Unrecht getarnt hat. Wer damals Opfer war, hat deshalb noch kein Recht, heute Täter zu sein.

Das Leiden des palästinensischen Volkes ist längst unerträglich geworden. Glauben Sie im Ernst, es sei pure Bosheit oder terroristische Gesinnung, wenn sich eine zwanzigjährige Frau mit einer Sprengladung um den Bauch in eine Menschenmenge begibt und sich dann selbst in die Luft sprengt? Hätte sie nicht lieber ein anderes Leben gewählt? Wie tief müssen Verletzung, Verzweiflung und ohnmächtige Wut gegangen sein, um so etwas zu tun? Das ist kein Mord im üblichen Sinn. Das ist Ohnmacht und allerletztes Aufbäumen gegen eine Gewalt, die mit Steinwürfen nicht mehr zu bekämpfen war.
Ich weiß, daß mit dieser Feststellung den Opfern auf israelischer Seite nicht geholfen ist, hier wie dort fließen dieselben Tränen. Aber vielleicht können wir, indem wir wahrheitsgemäß berichten, dazu beitragen, daß das Töten auf beiden Seiten doch noch beendet wird. Seien wir vorsichtig, wenn von „Terrorismus“ die Rede ist. Wir leben tatsächlich in einer Zeit des Terrors, aber der wird nicht nur von den Opfern verursacht. Als Terror werden in der öffentlichen Nomenklatur nur diejenigen Gewalttaten bezeichnet, die den bestehenden Machtsystemen schaden. Die aber sind selbst durch Terror errichtet worden und werden es täglich aufs Neue. Hat man einmal darüber nachgedacht, wieviel Lebensvernichtung und Gewalt (gegenüber Natur, Tieren, Kindern und Völkern der Dritten Welt etc.) hinter den Aktienkursen der großen Konzerne steckt?

Die Antifa-Bewegung, wenn es sie wirklich gäbe, würde sich heute gegen die israelische Politik richten und ein öffentliches Forum schaffen, welches die Wahrheit in alle Himmelsrichtungen hinausruft. Hilfe für Palästina!
Aber auch Hilfe und Solidarität für alle Israelis, die sich dem Unrecht ihres Staates widersetzen und an der öffentlichen Aufklärung teilnehmen. In der Nahost-Initiative, die Tamera seit einigen Jahren aufbaut, treffen sich junge Menschen aus Israel und Palästina, um gemeinsam ein Friedenskonzept zu entwickeln. Beim jetzigen Stand der Dinge geht es um die Planung und Vorbereitung eines Friedensdorfes, für dessen soziale und technische Gestaltung relativ ausgereifte Pläne vorliegen. (Für Menschen, die mit unserem Projekt schon vertrauter sind: Es geht um die Verbindung der sozialen Gestalt eines Heilungsbiotops, wie sie in Tamera/Portugal seit Jahren entwickelt wird, mit der technologischen Gestalt des „SolarPowerVillage“, welches vor allem für Trockengebiete und Armutsregionen der Erde neue Möglichkeiten für Energieversorgung und Ernährung schafft.)

Wie überall auf der Erde kann auch im Nahen Osten der Krieg nicht mehr mit herkömmlichen Mitteln beendet werden. Wir brauchen eine positive Vision für eine neue Welt des Friedens, eine Vision, die jenseits der gegenwärtigen Positionen beider Seiten steht. Eine solche Vision wird sich als feldbildende Kraft verbreiten können, wenn sie irgendwo als konkretes Modell steht und funktioniert. In diesem Sinne arbeiten wir am konkreten Aufbau eines „globalen Friedensdorfes“. Wir besinnen uns dabei auf die Wurzelbedeutung des „Heiligen Landes“ in unserer Zeit. Möge die heilige Quelle, aus der beide Völker kamen, sie wieder zusammenführen. Seit drei Jahren ertönt jeden Freitag in Tamera um 10 Uhr der große Gong, um für eine kurze Zeit die Arbeit anzuhalten und ein Friedensgebet nach Israel und Palästina zu senden.
Shalom und salaam

Dieter Duhm, Sabine Lichtenfels, Benjamin von Mendelssohn,
Institut für globale Friedensarbeit (IGF) in Tamera/Portugal
Tamera, 12.11.2004