Dr. Dieter Duhm
   Stellungnahmen, Kommentare, Briefe
 

• 2005: Stellungsnahme von Dieter Duhm

• 1997: Stellungnahme von Dieter Duhm

  Der Sektenhammer
Auszug aus dem Buch "Die heilige Matrix"
   

Der Sektenhammer
(Vollständiges, ungekürztes Kapitel aus dem Buch: Die heilige Matrix von Dieter Duhm. Copyright: Verlag Meiga)

Dann kam der Sektenhammer. Man begann uns zu denunzieren und die schlimmsten Gerüchte über uns zu verbreiten. Ich muß die Ereignisse in kurzen Zügen beschreiben, um aufzuklären über ein Stück Wirklichkeit, das wir bis dahin unterschätzt hatten: den Sektenwahn. Die Art, wie man gegen uns vorging, ist kein Einzelfall, sondern fast ein Normalfall, wenn es um grenzüberschreitende neue Projekte geht. Ich muß darauf hinweisen, daß von vielen neuen Entwicklungen – im kulturellen wie im technologischen Bereich – kaum noch positive Nachrichten zu erhalten sind, weil ihre Träger durch ähnliche Methoden isoliert und ausgeschaltet worden sind. Ich bitte alle Freunde einer menschenwürdigen geistigen Kultur, an dieser Aufklärungsarbeit mitzuwirken.
Eines Morgens, Anfang Juli 1985, erschien in der Lokalzeitung einer Nachbarstadt ein ganzseitiger Artikel über die „Sex-Sekte“ von Schwand (unser damaliger Wohnort im Schwarzwald). Man berichtete von Sexorgien, Kindesentführung und Befehlshierarchie. Darin war alles enthalten, was sich ein durchschnittlicher Zeitungsleser unter einer Sekte vorstellt. Jetzt begann eine Kettenreaktion. Über vierzig Zeitungen brachten den Bericht, schrieben ungeprüft voneinander ab und erfanden laufend neue Delikatessen. Unzucht mit Abhängigen, Kindesmißbrauch, Aufforderung zum Sex mit Kindern – es gab keine Grenze mehr. In einer großen Berliner Zeitung kam ein Bericht, wie die Sektenmitglieder tagsüber vollgepumpt mit Drogen in der Sonne liegen und sich allen möglichen Ausschweifungen hingeben. Wir hatten keine Möglichkeit, die Kettenreaktion zu stoppen, wir scheiterten an den Paragraphen der Pressefreiheit und an Geldmangel. Noch dazu waren wir betroffen und konnten nicht gleich souverän reagieren. Wir erlebten jetzt hautnah, wie es sich anfühlt, zu den Denunzierten zu gehören. Es dauert eine Zeit, bis man Verleumdungen mit Humor und dem entsprechenden Abstand sehen und auch verstehen kann. Zehn Jahre lang rollte die Lawine. Es wurde mit solchem Eifer gegen uns gewütet, daß wir hellhörig wurden. Wer stand dahinter? Warum weigerten sich die Redaktionen so beharrlich, eine Meldung von uns selbst abzudrucken? In wessen Schutz standen sie, daß sie solche Falschmeldungen riskieren konnten? Wir hatten wenig Möglichkeiten zur Richtigstellung. Auftritte auf Veranstaltungen, Vorträge auf Tagungen, Seminare auf dem Kirchentag, Vorträge in Universitäten – alles wurde kurzfristig abgesagt. Wir erhielten ein öffentliches Berufsverbot. Was hier ablief, entsprach exakt dem Drehbuch jeder Sektenverfolgung. Uns wurde die Gemeinnützigkeit aberkannt, die Behörden forderten eine überzogene Steuerrückzahlung der letzten drei Jahre, die Möglichkeiten des Gelderwerbs sanken gegen Null. Befreundete Lehrer wurden versetzt, unsere Kinder von Mitschülern drangsaliert, Büchertische demoliert, Tagungsschilder entfernt, Plakate abgerissen oder mit Hetzparolen verziert. Nachts mußten wir Wachen aufstellen. Gewalt lag in der Luft. Waren wir zu weit gegangen in der Provokation? Hätten wir vor allem im sexuellen Bereich unsere Thesen vorsichtiger, weicher, bescheidener formulieren müssen? Wahrscheinlich ja. Es war nicht nur der latente Faschismus der Gesellschaft, sondern es waren auch von uns begangene Fehler, die jetzt auf uns zurückschlugen. Wir befanden uns ganz offensichtlich in einer Lehre neuer Art. Als wir in Freiburg einen Fernsehauftritt hatten, konnten wir nicht das Innere des Hauses betreten, weil es verriegelt war durch eine Kette junger Leute. Zwei von ihnen verteilten Flugblätter mit der Behauptung, daß wir zur sexuellen Gewalt gegen Frauen aufgerufen hätten. Die Verteiler waren Gestalten wie wir selbst früher, als wir wegen Vietnam oder Notstandsgesetzen Straßen und Schulen blockierten. Warum hatten sie sich so leicht gegen uns aufhetzen lassen? Wer hatte sie auf die Straße geschickt? Sie glaubten wahrscheinlich an das, was sie taten, weil sie von uns nur die entstellten Zitate kannten.
Langsam sprach es sich herum, daß die Nachrichten falsch waren. Es gab immer mehr Journalisten, die an der Wahrheit der Verleumdungen zu zweifeln begannen, aber sie konnten uns nicht helfen. Sie hatten von vornherein den Auftrag, einen Verriß zu bringen. Wenn sie doch den Mut hatten, positiv zu berichten, wurde an Stelle ihres Berichts ein anderer abgedruckt. Interviews mit angesehenen Zeitungen durften nicht abgedruckt werden, wenn dadurch ein positives Bild über unser Projekt hätte entstehen können. Statt dessen erschien dann ein Interview mit einem bekannten Sektenpfarrer. Er gab das christliche Versprechen: „Die mache ich fertig.“ – Wir haben alle diese Vorgänge dokumentiert in dem Buch „Sommercamp im Wilden Westen“.
Neben den Verleumdungen gab es eine zweite Tendenz: Man fing an, uns zu dämonisieren. Wir hatten ein großes, dreijähriges Gruppenexperiment erfolgreich durchgeführt, hatten an mehreren Orten Projekte und Ateliers aufgebaut, hatten uns ein Schiff bauen lassen für die Erforschung der Kommunikation mit Walen und Delphinen. Die Denunzianten waren sich einig darüber, daß so etwas nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Nur eine Sekte, eine Geheimorganisation mit einer dubiosen Ausstattung von Macht und Geld konnte, so glaubte man, zu solchen Dingen in der Lage sein. Der Sektengruru, gemeint war ich, habe sich, so hieß es, im Süden eine Yacht gekauft, um sich rechtzeitig auf die Kanarischen Inseln absetzen zu können. (Ich fand diese Rolle beinahe schmeichelhaft.)
Als im Jahre 1989 die Berliner Mauer fiel, als die damalige Sowjetunion unter Michail Gorbatschow einen weiteren Schritt in Richtung Perestroika unternahm, startete eine Gruppe unseres Projekts eine größere Aktion für die Lieferung von Hilfsgütern in russische Krankenhäuser und Kinderheime. Mit Hilfe großzügiger Transportunternehmen wurden diese Aktionen erfolgreich durchgeführt. Wir mußten dann die Aktionen stoppen, weil in der deutschen Presse vor ihnen gewarnt wurde: Es handle sich um Tarnaktionen einer dubiosen Psychosekte. – Was für eine merkwürdige Welt! Dabei hatten wir nichts anderes vor als zu helfen. Wir hatten jetzt so gut wie keine Möglichkeiten mehr, auch für die Arbeiten auf dem eigenen Gelände wurde keine Genehmigung mehr erteilt. Der Bau einer biologischen Pflanzenkläranlage galt als Tarnaktion und wurde behördlich untersagt. Möglichkeiten der Richtigstellung in den Medien gab es kaum, weil sich die meisten Zeitungen weigerten, sie abzudrucken. Wir wußten, daß wir immer noch viele Freunde hatten, aber die hielten sich bedeckt und hofften, daß wir die Sache gut überstehen würden.
Ich glaube heute nicht mehr, daß bezahlte Drahtzieher und Agenten hinter der Kampagne standen. Ich glaube, wir haben einfach die wunden Punkte in unserer Gesellschaft, echte Schmerzstellen, zu heftig berührt. Welche Schmerzstellen das sind, geht ja aus den vorigen Kapiteln dieses Buches deutlich genug hervor. Wir hatten die Abwehrsysteme gestört, die von verletzten Menschen errichtet werden, um sich vor einer Wiederkehr der inneren Schmerzen – vor allem im Bereich von Liebe, Sex und Partnerschaft – zu schützen. Unsere Gesellschaft leidet, wir alle leiden immer noch an jener fatalen Grundstruktur, auf unbewältigte Konflikte mit Ausgrenzung und Gewalt zu reagieren, wie sie schon Wilhelm Reich beschrieben hat in seiner „Massenpsychologie des Faschismus“ und Theodor Adorno in seinem Werk über „Die autoritäre Persönlichkeit“. Diese Haltung, die wir in unserer revolutionären Zeit einmal als „faschistoid“ bezeichnet haben, ist keine Frage der politischen Parteizugehörigkeit, sondern die Frage einer geschichtlich entstandenen menschlichen Struktur – und die zieht sich durch alle politischen Lager.
Eines der Argumente, die immer wieder gegen uns vorgebracht wurden, lautete, wir seien eine Tarnorganisation und Nachfolgeorganisation der berüchtigten AAO-Kommune, die von dem österreichischen Maler und Aktionskünstler Otto Mühl gegründet worden war. Tatsächlich hatte ich in den Siebziger Jahren einige Male diese ungewöhnliche Kommune besucht. Ich war abgestoßen und fasziniert zugleich, denn ich hatte bis dahin noch kein Projekt angetroffen, das sich dermaßen offen und radikal mit dem sexuellen Thema auseinandersetzte. Ich lernte Otto Mühl als einen sehr radikalen Menschen und Künstler kennen. Mir gefielen seine Wahrheitsliebe, seine kompromißlose Art und sein grandioses, unbestreitbares Künstlertum, mich störte sein undurchschauter Hang zu vorschnellem Urteil und Despotismus. Zu viele Themen einer sensibleren spirituellen, ökologischen und humanen Kultur waren hier ausgeklammert, als daß es zu einer Zusammenarbeit hätte kommen können. Ich besuchte die Kommune zum letzten Mal im November 1979, also vor 21 Jahren, seitdem gingen wir sehr verschiedene Wege.

Mit der Sektenkampagne begann für uns der schwierigste (und vielleicht wichtigste) Teil unserer Arbeit. Jetzt, wo es im Äußeren kaum noch positive Verbindungen gab, mußten wir im Inneren eine neue Richtung gewinnen. Die Matrix der Gewalt war überall. Sie war auch noch in mir selbst, wie ich an meinen inneren Reaktionen merkte. Wenn wir ihr entgehen wollten, mußten wir eine neue Art finden, auf sie zu reagieren, und eine behutsamere Form für die Vermittlung der neuen Inhalte. Wir alle sind Aspekte des einen Seins und Teile desselben Kontinuums. Immer steckt in unseren Gegnern ein Aspekt von uns selbst und in uns ein Teil von ihnen.
Damit begann ein neues Nachdenken. Wir befanden uns ja in einer Art von existentieller Grundlagenforschung, die alles einbeziehen sollte, was im Leben wichtig war. Der Sektenhammer wurde jetzt Gegenstand unserer Forschung. Von jetzt an mußten wir die Realität dieser menschlichen Strukturen in unsere Arbeit einbeziehen. Die Friedensarbeit hatte eine neue Dimension erhalten, sie mußte in der Lage sein, den latenten Faschismus vom Kern her zu überwinden. Dazu gehörten auch die Reste der Gewaltmatrix in uns selbst. Es gab noch Impulse von Angst, Wut und Abgrenzung in uns selbst, die in Resonanz standen mit der kollektiven Struktur unserer Gesellschaft. Es ist gefährlich, fast selbstmörderisch, die heißen Punkte einer Gesellschaft zu berühren, solange in einem selbst noch unverdaute Ängste und Projektionen sitzen. Die Friedensarbeit im Äußeren kann nur so weit wirksam werden, wie du wirklichen Frieden geschaffen hast in deinem Inneren. Und wirklichen Frieden findest du durch die restlose Überwindung von Angst und Haß. Diese Wahrheit konnte nicht ernst genug genommen werden, denn sie entschied über Erfolg oder Mißerfolg jeder Friedensarbeit. Hätte die öffentliche Verleumdungskampagne nicht bei uns selbst diese innere Resonanz negativer Gefühle und Gedanken hervorgerufen, so hätte sie sich wahrscheinlich nicht so lange halten können. Hätten wir der Verleumdung mit Souveränität und Humor begegnen können, so hätten wir sie viel leichter für unsere Ziele nutzen können. Wir verstanden uns als Friedensarbeiter und steckten plötzlich selbst voller unfriedlicher Gedanken. Wir hatten im Sinne der Heilung handeln wollen, und hatten dabei einige Prinzipien der Heilung verletzt: vor allem das Prinzip, daß man nur heilen darf, wenn die Heilung gewünscht wird. Wir hatten auch gegen ein neues Prinzip der kommenden Revolution verstoßen: daß sie nämlich auf leisen Sohlen kommt und nicht gleich ihre Ziele auf öffentliche Fahnen schreibt. Wir hatten schließlich die inneren Machtverhältnisse falsch eingeschätzt. Wir wußten noch nicht wirklich, in welchem Maße man mit den höheren Mächten der heiligen Matrix verbunden sein muß, um gegen die Matrix der Gewalt mit Erfolg agieren zu können. Dieser Lernprozeß dauert immer noch an. Politische Arbeit im Sinne der Erschaffung einer neuen globalen Friedenskraft verlangt von den Akteuren eine innere Veränderung, die man nur durch die Arbeit selbst ermessen und verstehen kann. Und heute weiß ich, warum die Revolutionen bisher gescheitert sind: weil ihre Träger diese Veränderung an sich selbst nicht vollzogen haben.

In einer unserer Morgenandachten (in Sabine Lichtenfels: Quellen der Liebe und des Friedens) lesen wir über den Umgang mit dem scheinbaren Feind:
Du kannst sicher sein, daß ehemalige Freunde unter denen sind, die dich heute bekämpfen.
Du kannst sicher sein, daß ehemalige Feinde unter denen sind, die dich heute lieben.
Du kannst sicher sein, daß du einmal bekämpft hast, was dich heute bekämpft.
Es kann auch sein, daß du selbst einmal jemand gewesen bist, den du heute zu deinen Feinden zählen würdest.
Du kannst sicher sein, daß auch deine Feinde deiner eigenen Entwicklung dienen, wenn du mit der Weltenseele verbunden bleibst.
Dauerhaft gibt es nur den Weg der Aussöhnung, denn es gibt nur ein Sein.
Erkenne den Feind in dir. Erkenne den Feind in deinen besten Freunden und lerne ihn zu besiegen – und du wirst deinen potentiellen Freund erkennen in deinen Feinden.
Gib ihrem hassenden Blick keine Nahrung durch deine Angst. Wisse, daß auch aus ihrem Haß eine unerfüllte Liebessehnsucht nach Leben ruft.
Aus Angst entsteht Enge; aus Enge entsteht Gewalt.
Es ist wichtig, daß du zunächst einmal still wirst. Ohne daß du wirklich still geworden bist in dir, gibt jede Reaktion nur weitere Nahrung.
Gib dem Feuer des Hasses, der aus der vernichtenden Leidenschaft kommt, keine Nahrung durch deine zu frühe Wut.
Du kennst die Ausweglosigkeit einer Wut, wo du wie eine Marionette an deinen Emotionen hängst, zur Genüge. Längst hast du deine Macht abgegeben.
Der heilige Zorn haßt nicht. Er hängt nicht fest an der Kette der Reaktionen. Er kommt zu dir, wenn du still genug geworden bist. ...
Erkenne, wie du selbst in deinen Gedanken und Worten noch die Gegensätze herausgefordert hast. ...
Hole die Kraft ganz zu dir zurück. ...
Die beste Quelle zu dieser Verwirklichung ist dein Humor und deine unbeirrbare Lebensfreude.