Der Sektenhammer
(Vollständiges, ungekürztes
Kapitel aus dem Buch: Die heilige Matrix von Dieter Duhm.
Copyright: Verlag Meiga)
Dann kam der Sektenhammer.
Man begann uns zu denunzieren und die schlimmsten Gerüchte
über uns zu verbreiten. Ich muß die Ereignisse
in kurzen Zügen beschreiben, um aufzuklären über
ein Stück Wirklichkeit, das wir bis dahin unterschätzt
hatten: den Sektenwahn. Die Art, wie man gegen uns vorging,
ist kein Einzelfall, sondern fast ein Normalfall, wenn es
um grenzüberschreitende neue Projekte geht. Ich muß
darauf hinweisen, daß von vielen neuen Entwicklungen
– im kulturellen wie im technologischen Bereich –
kaum noch positive Nachrichten zu erhalten sind, weil ihre
Träger durch ähnliche Methoden isoliert und ausgeschaltet
worden sind. Ich bitte alle Freunde einer menschenwürdigen
geistigen Kultur, an dieser Aufklärungsarbeit mitzuwirken.
Eines Morgens, Anfang Juli 1985, erschien in der Lokalzeitung
einer Nachbarstadt ein ganzseitiger Artikel über die
„Sex-Sekte“ von Schwand (unser damaliger Wohnort
im Schwarzwald). Man berichtete von Sexorgien, Kindesentführung
und Befehlshierarchie. Darin war alles enthalten, was sich
ein durchschnittlicher Zeitungsleser unter einer Sekte vorstellt.
Jetzt begann eine Kettenreaktion. Über vierzig Zeitungen
brachten den Bericht, schrieben ungeprüft voneinander
ab und erfanden laufend neue Delikatessen. Unzucht mit Abhängigen,
Kindesmißbrauch, Aufforderung zum Sex mit Kindern
– es gab keine Grenze mehr. In einer großen
Berliner Zeitung kam ein Bericht, wie die Sektenmitglieder
tagsüber vollgepumpt mit Drogen in der Sonne liegen
und sich allen möglichen Ausschweifungen hingeben.
Wir hatten keine Möglichkeit, die Kettenreaktion zu
stoppen, wir scheiterten an den Paragraphen der Pressefreiheit
und an Geldmangel. Noch dazu waren wir betroffen und konnten
nicht gleich souverän reagieren. Wir erlebten jetzt
hautnah, wie es sich anfühlt, zu den Denunzierten zu
gehören. Es dauert eine Zeit, bis man Verleumdungen
mit Humor und dem entsprechenden Abstand sehen und auch
verstehen kann. Zehn Jahre lang rollte die Lawine. Es wurde
mit solchem Eifer gegen uns gewütet, daß wir
hellhörig wurden. Wer stand dahinter? Warum weigerten
sich die Redaktionen so beharrlich, eine Meldung von uns
selbst abzudrucken? In wessen Schutz standen sie, daß
sie solche Falschmeldungen riskieren konnten? Wir hatten
wenig Möglichkeiten zur Richtigstellung. Auftritte
auf Veranstaltungen, Vorträge auf Tagungen, Seminare
auf dem Kirchentag, Vorträge in Universitäten
– alles wurde kurzfristig abgesagt. Wir erhielten
ein öffentliches Berufsverbot. Was hier ablief, entsprach
exakt dem Drehbuch jeder Sektenverfolgung. Uns wurde die
Gemeinnützigkeit aberkannt, die Behörden forderten
eine überzogene Steuerrückzahlung der letzten
drei Jahre, die Möglichkeiten des Gelderwerbs sanken
gegen Null. Befreundete Lehrer wurden versetzt, unsere Kinder
von Mitschülern drangsaliert, Büchertische demoliert,
Tagungsschilder entfernt, Plakate abgerissen oder mit Hetzparolen
verziert. Nachts mußten wir Wachen aufstellen. Gewalt
lag in der Luft. Waren wir zu weit gegangen in der Provokation?
Hätten wir vor allem im sexuellen Bereich unsere Thesen
vorsichtiger, weicher, bescheidener formulieren müssen?
Wahrscheinlich ja. Es war nicht nur der latente Faschismus
der Gesellschaft, sondern es waren auch von uns begangene
Fehler, die jetzt auf uns zurückschlugen. Wir befanden
uns ganz offensichtlich in einer Lehre neuer Art. Als wir
in Freiburg einen Fernsehauftritt hatten, konnten wir nicht
das Innere des Hauses betreten, weil es verriegelt war durch
eine Kette junger Leute. Zwei von ihnen verteilten Flugblätter
mit der Behauptung, daß wir zur sexuellen Gewalt gegen
Frauen aufgerufen hätten. Die Verteiler waren Gestalten
wie wir selbst früher, als wir wegen Vietnam oder Notstandsgesetzen
Straßen und Schulen blockierten. Warum hatten sie
sich so leicht gegen uns aufhetzen lassen? Wer hatte sie
auf die Straße geschickt? Sie glaubten wahrscheinlich
an das, was sie taten, weil sie von uns nur die entstellten
Zitate kannten.
Langsam sprach es sich herum, daß die Nachrichten
falsch waren. Es gab immer mehr Journalisten, die an der
Wahrheit der Verleumdungen zu zweifeln begannen, aber sie
konnten uns nicht helfen. Sie hatten von vornherein den
Auftrag, einen Verriß zu bringen. Wenn sie doch den
Mut hatten, positiv zu berichten, wurde an Stelle ihres
Berichts ein anderer abgedruckt. Interviews mit angesehenen
Zeitungen durften nicht abgedruckt werden, wenn dadurch
ein positives Bild über unser Projekt hätte entstehen
können. Statt dessen erschien dann ein Interview mit
einem bekannten Sektenpfarrer. Er gab das christliche Versprechen:
„Die mache ich fertig.“ – Wir haben alle
diese Vorgänge dokumentiert in dem Buch „Sommercamp
im Wilden Westen“.
Neben den Verleumdungen gab es eine zweite Tendenz: Man
fing an, uns zu dämonisieren. Wir hatten ein großes,
dreijähriges Gruppenexperiment erfolgreich durchgeführt,
hatten an mehreren Orten Projekte und Ateliers aufgebaut,
hatten uns ein Schiff bauen lassen für die Erforschung
der Kommunikation mit Walen und Delphinen. Die Denunzianten
waren sich einig darüber, daß so etwas nicht
mit rechten Dingen zugehen konnte. Nur eine Sekte, eine
Geheimorganisation mit einer dubiosen Ausstattung von Macht
und Geld konnte, so glaubte man, zu solchen Dingen in der
Lage sein. Der Sektengruru, gemeint war ich, habe sich,
so hieß es, im Süden eine Yacht gekauft, um sich
rechtzeitig auf die Kanarischen Inseln absetzen zu können.
(Ich fand diese Rolle beinahe schmeichelhaft.)
Als im Jahre 1989 die Berliner Mauer fiel, als die damalige
Sowjetunion unter Michail Gorbatschow einen weiteren Schritt
in Richtung Perestroika unternahm, startete eine Gruppe
unseres Projekts eine größere Aktion für
die Lieferung von Hilfsgütern in russische Krankenhäuser
und Kinderheime. Mit Hilfe großzügiger Transportunternehmen
wurden diese Aktionen erfolgreich durchgeführt. Wir
mußten dann die Aktionen stoppen, weil in der deutschen
Presse vor ihnen gewarnt wurde: Es handle sich um Tarnaktionen
einer dubiosen Psychosekte. – Was für eine merkwürdige
Welt! Dabei hatten wir nichts anderes vor als zu helfen.
Wir hatten jetzt so gut wie keine Möglichkeiten mehr,
auch für die Arbeiten auf dem eigenen Gelände
wurde keine Genehmigung mehr erteilt. Der Bau einer biologischen
Pflanzenkläranlage galt als Tarnaktion und wurde behördlich
untersagt. Möglichkeiten der Richtigstellung in den
Medien gab es kaum, weil sich die meisten Zeitungen weigerten,
sie abzudrucken. Wir wußten, daß wir immer noch
viele Freunde hatten, aber die hielten sich bedeckt und
hofften, daß wir die Sache gut überstehen würden.
Ich glaube heute nicht mehr, daß bezahlte Drahtzieher
und Agenten hinter der Kampagne standen. Ich glaube, wir
haben einfach die wunden Punkte in unserer Gesellschaft,
echte Schmerzstellen, zu heftig berührt. Welche Schmerzstellen
das sind, geht ja aus den vorigen Kapiteln dieses Buches
deutlich genug hervor. Wir hatten die Abwehrsysteme gestört,
die von verletzten Menschen errichtet werden, um sich vor
einer Wiederkehr der inneren Schmerzen – vor allem
im Bereich von Liebe, Sex und Partnerschaft – zu schützen.
Unsere Gesellschaft leidet, wir alle leiden immer noch an
jener fatalen Grundstruktur, auf unbewältigte Konflikte
mit Ausgrenzung und Gewalt zu reagieren, wie sie schon Wilhelm
Reich beschrieben hat in seiner „Massenpsychologie
des Faschismus“ und Theodor Adorno in seinem Werk
über „Die autoritäre Persönlichkeit“.
Diese Haltung, die wir in unserer revolutionären Zeit
einmal als „faschistoid“ bezeichnet haben, ist
keine Frage der politischen Parteizugehörigkeit, sondern
die Frage einer geschichtlich entstandenen menschlichen
Struktur – und die zieht sich durch alle politischen
Lager.
Eines der Argumente, die immer wieder gegen uns vorgebracht
wurden, lautete, wir seien eine Tarnorganisation und Nachfolgeorganisation
der berüchtigten AAO-Kommune, die von dem österreichischen
Maler und Aktionskünstler Otto Mühl gegründet
worden war. Tatsächlich hatte ich in den Siebziger
Jahren einige Male diese ungewöhnliche Kommune besucht.
Ich war abgestoßen und fasziniert zugleich, denn ich
hatte bis dahin noch kein Projekt angetroffen, das sich
dermaßen offen und radikal mit dem sexuellen Thema
auseinandersetzte. Ich lernte Otto Mühl als einen sehr
radikalen Menschen und Künstler kennen. Mir gefielen
seine Wahrheitsliebe, seine kompromißlose Art und
sein grandioses, unbestreitbares Künstlertum, mich
störte sein undurchschauter Hang zu vorschnellem Urteil
und Despotismus. Zu viele Themen einer sensibleren spirituellen,
ökologischen und humanen Kultur waren hier ausgeklammert,
als daß es zu einer Zusammenarbeit hätte kommen
können. Ich besuchte die Kommune zum letzten Mal im
November 1979, also vor 21 Jahren, seitdem gingen wir sehr
verschiedene Wege.
Mit der Sektenkampagne begann
für uns der schwierigste (und vielleicht wichtigste)
Teil unserer Arbeit. Jetzt, wo es im Äußeren
kaum noch positive Verbindungen gab, mußten wir im
Inneren eine neue Richtung gewinnen. Die Matrix der Gewalt
war überall. Sie war auch noch in mir selbst, wie ich
an meinen inneren Reaktionen merkte. Wenn wir ihr entgehen
wollten, mußten wir eine neue Art finden, auf sie
zu reagieren, und eine behutsamere Form für die Vermittlung
der neuen Inhalte. Wir alle sind Aspekte des einen Seins
und Teile desselben Kontinuums. Immer steckt in unseren
Gegnern ein Aspekt von uns selbst und in uns ein Teil von
ihnen.
Damit begann ein neues Nachdenken. Wir befanden uns ja in
einer Art von existentieller Grundlagenforschung, die alles
einbeziehen sollte, was im Leben wichtig war. Der Sektenhammer
wurde jetzt Gegenstand unserer Forschung. Von jetzt an mußten
wir die Realität dieser menschlichen Strukturen in
unsere Arbeit einbeziehen. Die Friedensarbeit hatte eine
neue Dimension erhalten, sie mußte in der Lage sein,
den latenten Faschismus vom Kern her zu überwinden.
Dazu gehörten auch die Reste der Gewaltmatrix in uns
selbst. Es gab noch Impulse von Angst, Wut und Abgrenzung
in uns selbst, die in Resonanz standen mit der kollektiven
Struktur unserer Gesellschaft. Es ist gefährlich, fast
selbstmörderisch, die heißen Punkte einer Gesellschaft
zu berühren, solange in einem selbst noch unverdaute
Ängste und Projektionen sitzen. Die Friedensarbeit
im Äußeren kann nur so weit wirksam werden, wie
du wirklichen Frieden geschaffen hast in deinem Inneren.
Und wirklichen Frieden findest du durch die restlose Überwindung
von Angst und Haß. Diese Wahrheit konnte nicht ernst
genug genommen werden, denn sie entschied über Erfolg
oder Mißerfolg jeder Friedensarbeit. Hätte die
öffentliche Verleumdungskampagne nicht bei uns selbst
diese innere Resonanz negativer Gefühle und Gedanken
hervorgerufen, so hätte sie sich wahrscheinlich nicht
so lange halten können. Hätten wir der Verleumdung
mit Souveränität und Humor begegnen können,
so hätten wir sie viel leichter für unsere Ziele
nutzen können. Wir verstanden uns als Friedensarbeiter
und steckten plötzlich selbst voller unfriedlicher
Gedanken. Wir hatten im Sinne der Heilung handeln wollen,
und hatten dabei einige Prinzipien der Heilung verletzt:
vor allem das Prinzip, daß man nur heilen darf, wenn
die Heilung gewünscht wird. Wir hatten auch gegen ein
neues Prinzip der kommenden Revolution verstoßen:
daß sie nämlich auf leisen Sohlen kommt und nicht
gleich ihre Ziele auf öffentliche Fahnen schreibt.
Wir hatten schließlich die inneren Machtverhältnisse
falsch eingeschätzt. Wir wußten noch nicht wirklich,
in welchem Maße man mit den höheren Mächten
der heiligen Matrix verbunden sein muß, um gegen die
Matrix der Gewalt mit Erfolg agieren zu können. Dieser
Lernprozeß dauert immer noch an. Politische Arbeit
im Sinne der Erschaffung einer neuen globalen Friedenskraft
verlangt von den Akteuren eine innere Veränderung,
die man nur durch die Arbeit selbst ermessen und verstehen
kann. Und heute weiß ich, warum die Revolutionen bisher
gescheitert sind: weil ihre Träger diese Veränderung
an sich selbst nicht vollzogen haben.
In einer unserer Morgenandachten
(in Sabine Lichtenfels: Quellen der Liebe und des Friedens)
lesen wir über den Umgang mit dem scheinbaren Feind:
Du kannst sicher sein, daß ehemalige
Freunde unter denen sind, die dich heute bekämpfen.
Du kannst sicher sein, daß ehemalige Feinde unter
denen sind, die dich heute lieben.
Du kannst sicher sein, daß du einmal bekämpft
hast, was dich heute bekämpft.
Es kann auch sein, daß du selbst einmal jemand gewesen
bist, den du heute zu deinen Feinden zählen würdest.
Du kannst sicher sein, daß auch deine Feinde deiner
eigenen Entwicklung dienen, wenn du mit der Weltenseele
verbunden bleibst.
Dauerhaft gibt es nur den Weg der Aussöhnung, denn
es gibt nur ein Sein.
Erkenne den Feind in dir. Erkenne den Feind in deinen besten
Freunden und lerne ihn zu besiegen – und du wirst
deinen potentiellen Freund erkennen in deinen Feinden.
Gib ihrem hassenden Blick keine Nahrung durch deine Angst.
Wisse, daß auch aus ihrem Haß eine unerfüllte
Liebessehnsucht nach Leben ruft.
Aus Angst entsteht Enge; aus Enge entsteht Gewalt.
Es ist wichtig, daß du zunächst einmal still
wirst. Ohne daß du wirklich still geworden bist in
dir, gibt jede Reaktion nur weitere Nahrung.
Gib dem Feuer des Hasses, der aus der vernichtenden Leidenschaft
kommt, keine Nahrung durch deine zu frühe Wut.
Du kennst die Ausweglosigkeit einer Wut, wo du wie eine
Marionette an deinen Emotionen hängst, zur Genüge.
Längst hast du deine Macht abgegeben.
Der heilige Zorn haßt nicht. Er hängt nicht fest
an der Kette der Reaktionen. Er kommt zu dir, wenn du still
genug geworden bist. ...
Erkenne, wie du selbst in deinen Gedanken und Worten noch
die Gegensätze herausgefordert hast. ...
Hole die Kraft ganz zu dir zurück. ...
Die beste Quelle zu dieser Verwirklichung ist dein Humor
und deine unbeirrbare Lebensfreude.
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