Dr. Dieter Duhm
   Stellungnahmen, Kommentare, Briefe
 

• 2005: Stellungsnahme von Dieter Duhm

• 1997: Stellungnahme von Dieter Duhm

  Der Sektenhammer
Auszug aus dem Buch "Die heilige Matrix"
   
EINE INFORMATION UND RICHTIGSTELLUNG ZU DEN PROJEKTEN MEIGA UND ZEGG

Dr. Dieter Duhm
Juli 1997

1. Beide Projekte entwickelten sich aus der 1978 in Herrenberg gegründeten "Bauhütte". Die Bauhütte bestand aus einigen engagierten, politisch links stehenden Leuten; sie ging geschichtlich aus der gescheiterten Neuen Linken und der beginnenden Ökologiebewegung hervor. Es ging uns darum, vor allen weiteren politischen Diskussionen zunächst einmal die menschlichen Grundfragen nach Liebe, Partnerschaft, Kindern, Gemeinschaft, Zukunft, Religion und Schöpfung ganz gründlich anzuschauen und für die weitere Arbeit eine funktionierende menschliche und geistige Basis zu schaffen. Der antiimperialistische Kampf und der Versuch, darin neue Formen von Gemeinschaft und realem Sozialismus zu entwickeln, war an menschlichen Konflikten gescheitert, die unter den damaligen Bedingungen keine Auflösung finden konnten. So war für mich - seit meinen Buch "Angst im Kapitalismus" (1972) - das menschliche Thema zum politischen Thema geworden. Ohne den Aufbau einer tragfähigen MENSCHLICHEN Basis erschien mir die Fortsetzung der politischen Arbeit nicht mehr sinnvoll.

2. Die Projekte MEIGA und ZEGG sind keine Nachfolgeorganisationen von Otto Muehls früherer AAO, sondern entwickeln die Gedanken von freier Sexualität und freier Liebe in völlig anderer Richtung. Mein Versuch einer Zusammenarbeit mit Otto Muehl ist bereits vor 18 Jahren (1979) definitiv gescheitert, weil ich die dortigen absolutistischen Strukturen und die ignorante Behandlung religiöser Fragen nicht tolerieren konnte. Diese Trennung geschah 12 Jahre vor seiner Verurteilung. Ich habe damals schon - trotz der gegen die Muehlkommune laufenden Hetzkampagnen - eine differenzierte Stellungnahme ihm gegenüber bewahrt, weil ich seiner radikalen Aufbruchsenergie und seinem Mut einiges zu verdanken hatte und weil ich aus eigener Erfahrung wußte, wie schwer es ist, das Thema von Sexualität und Gemeinschaft voll in Arbeit zu nehmen, ohne dabei menschliche und geschichtliche Fehler zu machen. (Damit ist natürlich kein Kindesmißbrauch gerechtfertigt. Ich weiß nicht, was im Fall Muehl wirklich stattgefunden hat.)

3. Die Arbeit am Thema Gemeinschaft führte (unter meiner Leitung) 1983 zum Beginn eines großen Gruppenexperiments in Schwand/Schwarzwald. Die Gruppe bestand jetzt aus 40 Menschen. Wir wollten drei Jahre zusammenleben, um weiterzuarbeiten an den Grundfragen, wobei kein Thema ausgeschlossen sein sollte. Es entstanden die Umrisse einer neuen Daseinsmöglichkeit mit den Konzepten der "freien Liebe", der "spirituellen Ökologie" und der "Resonanztechnologie", die auch heute noch gültig sind im Netzwerk MEIGA. Die Idee eines Netzwerkes MEIGA (Modell einer internationalen gewaltfreien Alternative) ergab sich aus der Entwicklung des Gruppenexperiments. Es war der Gedanke einer internationalen Friedensarbeit in Verbindung mit dem Aufbau neuer Lebensmodelle. Ein Ziel von MEIGA war und ist der Aufbau von Plätzen, wo Menschen mit allen Mitgeschöpfen in einer gewaltfreien Struktur zusammenleben. Wir nennen so einen Platz ein "Heilungsbiotop". Der erste derartige Platz entsteht seit einigen Jahren in Portugal unter dem Namen TAMERA. Die Theorie der Heilungsbiotope befindet sich in meinem Buch "Politische Texte für eine gewaltfreie Erde" (siehe Literaturanhang).
Wenn ich im Folgenden von "wir" spreche, so meine ich keine feste Gruppe, sondern alle, die an der Erarbeitung und Verwirklichung der Ziele von MEIGA aktiv beteiligt sind. Das sind zur Zeit die Kerngruppe von Tamera, einige Mitarbeiter des ZEGG und einige Einzelpersonen.

4. Während des Gruppenexperiments im Schwarzwald (1985) begann die Sektenkampagne gegen uns. Das "Markgräfler Tagblatt" und der Schweizer "Blick" brachten in großer Aufmachung eine pornographische Berichterstattung, die dann ungeprüft von Zeitung zu Zeitung weitergereicht und um neue Zutaten bereichert wurde. Plötzlich kursierten angebliche Duhm-Zitate, die mit meiner und unserer Arbeit nichts zu tun hatten. Es kann sein, daß ich manchmal satirische Antworten auf gemeine Fragen gab. Es war nicht immer leicht, friedlich zu bleiben. Wir sahen uns mit dem Phänomen konfrontiert, daß trotz ausführlicher Interviews und den Zusagen einer fairen Berichterstattung am nächsten Tag nicht dieser Bericht, sondern nur die Aussagen eines Sektenpfarrers in der Zeitung standen. Journalisten erzählten uns, daß sie von vornherein den Auftrag erhalten hatten, einen gründlichen Verriß zu bringen. Alle diese Vorgänge sind präzise dokumentiert in dem Buch "Sommercamp im Wilden Westen" (Verlag Meiga).

5. Das ZEGG (Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung) geht zurück auf eine alte Idee von mir, wurde aber weder von mir gegründet noch geleitet. Die Trägergruppe des ZEGG besteht vorwiegend aus Menschen, die schon bei dem Gemeinschaftsexperiment im Schwarzwald dabei waren und zu denen nach wie vor eine solidarische Verbindung besteht. Aber das ZEGG geht einen eigenen Weg. Einige Mitarbeiter des ZEGG fühlen sich dem Projekt MEIGA verbunden, andere nicht. Die Gedanken von Dezentralisierung und Autonomie gehören zum geistigen Grundbestand des Netzwerkgedankens. Für die Träger von MEIGA gibt es keine Durchsetzung von Machtpositionen, sondern die ständige Arbeit an sich selbst im Sinne einer steigenden Friedensfähigkeit und Dienstbereitschaft. Ich selbst habe mich nie als Guru gesehen, sondern einiges dafür getan, um derartige Verklärungen abzubauen.

6. Für den Aufbau funktionierender und gewaltfreier Systeme brauchen wir alle integrierbaren Kräfte und Möglichkeiten des Menschen und nicht nur diejenigen, die von einer gegenwärtigen Ideologie oder Modeströmung zugelassen werden. Deshalb haben wir neben den politischen und ökologischen Gedanken auch die Kraftquellen der Kunst, der Sexualität und der Religion immer mehr in unsere Arbeit aufgenommen. Wir suchen das Heil nicht in der Vergangenheit, beschäftigen uns aber zunehmend mit matriarchalen und spirituellen Quellen menschlicher Kulturbildung, mit den Friedenskonzepten hochentwickelter Urvölker, auch mit Gedanken des gewaltfreien Buddhismus (Ashoka) und des authentischen Christentums. Wir tun dies nicht im Sinne eines willkürlichen Eklektizismus, sondern einer geistigen Gesamtschau, die wir heute brauchen, um unseren gegenwärtigen Standort in Geschichte und Schöpfung zu finden und eine fundierte Friedensvision zu entwickeln.

7. Das Netzwerk MEIGA vertritt eine Kulturidee, die nicht fixiert ist auf ein bestimmtes Rezept, eine feste Richtung, eine lineare Wahrheit oder eine geheimnisvolle Weltformel. Solche Fixierungen sollen ja gerade überwunden werden zugunsten einer zukunftsweisenden Gesamtentwicklung. Geistige Monokultur wird ersetzt durch die Vielfalt der Annäherungen. Es ist natürlich, daß sich aus einer so hochkomplexen Bewegung heraus gelegentliche Mißverständnisse und Verzerrungen ergeben - aber niemals die, die uns angelastet werden. Zu unserer Arbeit gehört immer die Bereitschaft zur Selbstkorrektur, ohne dabei die Ziele aus den Augen zu verlieren. Dogmatismus, Uniformismus und angepaßte Glaubensbekenntnisse haben in dieser Entwicklung keinen Platz (ich habe mich schon als Schüler in der Kirchenarbeit und später als Student im Mannheimer SDS dagegen gewehrt). Es geht um grundlegende Forschungsarbeiten zu den menschlichen, philosophischen, technologischen und politischen Fragen der Zukunft und nicht um fertige Glaubensbekenntnisse. Das ganze Projekt begann als ein zeitgeschichtliches Forschungsprojekt für alle Fragen einer wünschenswerten und realisierbaren Zukunft. An diesen Forschungsfragen arbeiten wir heute intensiver denn je. Alle solidarischen Kräfte unserer Zeit sind zum Mitdenken herzlich eingeladen.

8. MEIGA ist geplant als ein offenes Netzwerk von Friedensarbeitern und entstehenden Zukunftsgemeinschaften. Es ist nicht gebunden an einzelne Gruppen und Projekte. Mitarbeiten können alle engagierten Menschen, sofern sie beim Stichwort der freien Liebe nicht gleich die Fassung verlieren. Aber auch in diesem Punkt ist keine Übereinstimmung vorausgesetzt. Vorausgesetzt ist lediglich die Bereitschaft zu menschlicher Solidarität und zu aktiver Friedensarbeit, auch gegenüber Tieren. Wer im Inneren noch gewaltorientierte, totalitäre oder sexualfeindliche Gedanken hegt und trotzdem mitarbeiten möchte, wird sehr gründlich umdenken müssen. Die innere Annäherung an die Grundgedanken erfolgt durch Mitarbeit und EIGENES Nachdenken. Die sogenannten "Aussteiger", die uns bekannt sind, stehen mit uns immer noch in einer losen freundschaftlichen Verbindung. Andere Aussteiger sind uns nicht bekannt. Ich bitte in diesem Zusammenhang alle verantwortlichen Stellen, nicht weiterhin diese allzu handlichen Formeln von "Guru", "Anhängerschaft", "Aussteigern" etc. zu benutzen, sondern genauer hinzuschauen, was bei uns wirklich geschieht. (Man könnte auch einmal davon ausgehen, daß wir die Wahrheit sagen.)

9. Das Projekt bejaht ausdrücklich die Werte von Vertrauen, Treue und Partnerschaft in der Liebe. Partnerschaft und freie Liebe schließen sich nicht aus, sondern ergänzen einander. Wir brauchen für die Liebe neue geistige und ethische Grundlagen. Liebe braucht Vertrauen, und Vertrauen braucht Wahrheit. Zu den Grundgedanken des Projekts gehört die Wahrheit in der Liebe und die Überwindung jener inneren und äußeren Strukturen, die uns zur Unwahrheit veranlassen. Ohne den tieferen Hintergrund von Wahrheit und Vertrauen ist der Begriff der freien Liebe, wie wir ihn entwickeln, sinnlos. Freie Sexualität und freie Liebe bedeuten nicht wahllose Promiskuität, sondern vertiefte, verbindliche Beziehungen. Auch gleichgeschlechtliche Beziehungen werden in diese Gedanken einbezogen und nicht aus dem Projekt ausgegrenzt. Erforderlich für die Verwirklichung dieser Ziele ist eine grundlegende Veränderung der vorherrschenden gesellschaftlichen Geschlechterrollen und Liebesbilder. Die Richtung dafür haben wir sehr ausführlich beschrieben in den Büchern "Weiche Macht" von Sabine Lichtenfels und "Der unerlöste Eros" von Dieter Duhm. Erkennende Liebe und die wiedergefundene Solidarität der Geschlechter sind Grundlagen einer gewaltfreien Kultur.
10. Das Netzwerk MEIGA wird wie auch das ZEGG weitgehend von Frauen getragen. Es gibt weder Sexismus noch Frauenverachtung. Der hohe Rang, den die Frau in prähistorischen Kulturen einnahm, entstammte einer weiblichen Kraft- und Wissensquelle, die heute von Frauen UND von Männern wiederentdeckt und integriert werden muß. Von dieser Höhe ihres ursprünglichen Ranges aus ist es zu verstehen, wenn wir sagen, die Frau sei die natürliche seelische und sexuelle Anlaufstelle des Mannes. Sie ist dies nicht - wie uns unterstellt wird - im Sinne eines Lustobjektes, sondern in Gestalt des immer gesuchten Pols. Sie lernt es, diese souveräne Verantwortung anzunehmen und sich gerade NICHT mehr ohne ihren Willen hinzugeben. Wir versuchen, die fundierteren Ansätze feministischer Theologie in ein kulturelles Gesamtkonzept zu bringen, welches von Sabine Lichtenfels in ihrem neuesten Buch "Weiche Macht" beschrieben worden ist. Wir befürworten natürlich keine Vergewaltigung von Frauen, und ich versichere, daß weder im ZEGG noch an sonst einem mit MEIGA verbundenen Platz derartiges getan oder gepredigt wurde. Gerade weil wir das Thema sehr ernst nehmen, versuchen wir, nicht nur seine Symptome, sondern auch seine Ursachen zu sehen und aufzulösen. Hier hilft kein Ressentiment, hier hilft nur noch Erkenntnis und eine grundlegende Veränderung der herrschenden Strukturen. Es geht um einen revolutionären Vorgang, der nicht mehr mit der harten Kraft des Hasses verbunden ist, sondern mit der weichen Kraft des Verstehens.

11. Die gemeinste Behauptung, die über Presse und andere Eiferer gegen uns vorgebracht wird, lautet, im Projekt werde Sex mit Kindern betrieben und Kindesmißbrauch befürwortet. Das genaue Gegenteil ist natürlich der Fall. Wir haben immer wieder erklärt, warum Sex mit Kindern nichts zu tun hat mit sexueller Befreiung. Der sexuelle Mißbrauch von Kindern ist eines der schlimmsten Krankheitssymptome unserer Zeit, und wir nehmen die Täter keineswegs in Schutz. Sehr schlimm sind aber manchmal auch die Methoden, mit denen Menschen des Mißbrauchs bezichtigt und Kinder zu entsprechenden "Geständnissen" gebracht werden. Hier ist eine Kettenreaktion von Verdächtigung und Haß entstanden, die wir nur auflösen können durch eine innere Heilung jener tiefen Wunden, die wir alle im Bereich von Liebe und Sexualität irgendwann empfangen haben.

12. Das Netzwerk MEIGA vertritt eine Ethik der Hilfe und Verantwortung für alle Kreatur. Wir haben Heimat und Schutz geboten für bedrohte Kinder und heimatlose Jugendliche, für Menschen und Tiere in Not. Mitarbeiter des Netzwerks haben nach der Maueröffnung Hilfsgüter in russische Krankenhäuser gebracht (Aktion Perestroika), was dann abgebrochen werden mußte, weil die Aktion als "Tarnorganisation einer Psychosekte" bezeichnet worden ist. Wir wünschen eine Zusammenarbeit mit engagierten Tierschützern, mit Amnesty International, mit der Gesellschaft für bedrohte Völker und mit allen, die durch ihre Taten zeigen, daß sie es ernst meinen. Ich sage dies alles nicht, um uns zu rühmen, sondern um das Netzwerk MEIGA in ein wahrheitsgemäßes Licht zu stellen. Man karikiert uns als "Weltverbesserer". Das gilt heute als Schimpfwort. Tatsächlich: wir möchten es gerne sein oder werden, und wir wären glücklich, wenn als Folge unserer Arbeit mehr Friede und weniger Gewalt, mehr Liebe und weniger Angst, mehr Erkenntnis und weniger Ignoranz auf der Erde wären. Wir glauben an die Möglichkeit eines anderen Daseins für alle Wesen, und wir wollen mitwirken an einem globalen Feld für seine Verwirklichung.

Dieses Informationsblatt und weitere Informationen können kostenlos angefordert werden bei: IGF (Institut für globale Friedensarbeit),
Email:
igf@tamera.org

LITERATUR:

Dieter Duhm:
Synthese der Wissenschaft, 1979
Aufbruch zur neuen Kultur, 1993 (vergriffen)
Der unerlöste Eros, 1991
Politische Texte für eine gewaltfreie Erde, 1992
Gewaltlosigkeit (Broschüre), 1989
Die heilige Matrix, 2001

Sabine Lichtenfels:
Rettet den Sex - ein Manifest von Frauen für einen neuen sexuellen Humanismus, 1988
Der Hunger hinter dem Schweigen, 1992
(vergriffen)
Weiche Macht, 1996
Traumsteine, 2000
Quellen der Liebe und des Friedens, 2001

Bumb/Möller:
Sommercamp im Wilden Westen (die Dokumentation der Sektenkampagne mit grundsätzlichen Stellungnahmen des Projektes MEIGA), Radolfzell 1990
Leila Dregger:
Meiga - eine provozierende Kulturidee in der Auseinandersetzung (Literaturarbeit 1996)


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