| EINE INFORMATION UND RICHTIGSTELLUNG ZU DEN PROJEKTEN MEIGA UND ZEGG
Dr. Dieter Duhm
Juli 1997
1. Beide Projekte entwickelten
sich aus der 1978 in Herrenberg gegründeten "Bauhütte".
Die Bauhütte bestand aus einigen engagierten, politisch
links stehenden Leuten; sie ging geschichtlich aus der gescheiterten
Neuen Linken und der beginnenden Ökologiebewegung hervor.
Es ging uns darum, vor allen weiteren politischen Diskussionen
zunächst einmal die menschlichen Grundfragen nach Liebe,
Partnerschaft, Kindern, Gemeinschaft, Zukunft, Religion
und Schöpfung ganz gründlich anzuschauen und für
die weitere Arbeit eine funktionierende menschliche und
geistige Basis zu schaffen. Der antiimperialistische Kampf
und der Versuch, darin neue Formen von Gemeinschaft und
realem Sozialismus zu entwickeln, war an menschlichen Konflikten
gescheitert, die unter den damaligen Bedingungen keine Auflösung
finden konnten. So war für mich - seit meinen Buch
"Angst im Kapitalismus" (1972) - das menschliche
Thema zum politischen Thema geworden. Ohne den Aufbau einer
tragfähigen MENSCHLICHEN Basis erschien mir die Fortsetzung
der politischen Arbeit nicht mehr sinnvoll.
2. Die Projekte MEIGA und
ZEGG sind keine Nachfolgeorganisationen von Otto Muehls
früherer AAO, sondern entwickeln die Gedanken von freier
Sexualität und freier Liebe in völlig anderer
Richtung. Mein Versuch einer Zusammenarbeit mit Otto Muehl
ist bereits vor 18 Jahren (1979) definitiv gescheitert,
weil ich die dortigen absolutistischen Strukturen und die
ignorante Behandlung religiöser Fragen nicht tolerieren
konnte. Diese Trennung geschah 12 Jahre vor seiner Verurteilung.
Ich habe damals schon - trotz der gegen die Muehlkommune
laufenden Hetzkampagnen - eine differenzierte Stellungnahme
ihm gegenüber bewahrt, weil ich seiner radikalen Aufbruchsenergie
und seinem Mut einiges zu verdanken hatte und weil ich aus
eigener Erfahrung wußte, wie schwer es ist, das Thema
von Sexualität und Gemeinschaft voll in Arbeit zu nehmen,
ohne dabei menschliche und geschichtliche Fehler zu machen.
(Damit ist natürlich kein Kindesmißbrauch gerechtfertigt.
Ich weiß nicht, was im Fall Muehl wirklich stattgefunden
hat.)
3. Die Arbeit am Thema Gemeinschaft
führte (unter meiner Leitung) 1983 zum Beginn eines
großen Gruppenexperiments in Schwand/Schwarzwald.
Die Gruppe bestand jetzt aus 40 Menschen. Wir wollten drei
Jahre zusammenleben, um weiterzuarbeiten an den Grundfragen,
wobei kein Thema ausgeschlossen sein sollte. Es entstanden
die Umrisse einer neuen Daseinsmöglichkeit mit den
Konzepten der "freien Liebe", der "spirituellen
Ökologie" und der "Resonanztechnologie",
die auch heute noch gültig sind im Netzwerk MEIGA.
Die Idee eines Netzwerkes MEIGA (Modell einer internationalen
gewaltfreien Alternative) ergab sich aus der Entwicklung
des Gruppenexperiments. Es war der Gedanke einer internationalen
Friedensarbeit in Verbindung mit dem Aufbau neuer Lebensmodelle.
Ein Ziel von MEIGA war und ist der Aufbau von Plätzen,
wo Menschen mit allen Mitgeschöpfen in einer gewaltfreien
Struktur zusammenleben. Wir nennen so einen Platz ein "Heilungsbiotop".
Der erste derartige Platz entsteht seit einigen Jahren in
Portugal unter dem Namen TAMERA. Die Theorie der Heilungsbiotope
befindet sich in meinem Buch "Politische Texte für
eine gewaltfreie Erde" (siehe Literaturanhang).
Wenn ich im Folgenden von "wir" spreche, so meine
ich keine feste Gruppe, sondern alle, die an der Erarbeitung
und Verwirklichung der Ziele von MEIGA aktiv beteiligt sind.
Das sind zur Zeit die Kerngruppe von Tamera, einige Mitarbeiter
des ZEGG und einige Einzelpersonen.
4. Während des Gruppenexperiments
im Schwarzwald (1985) begann die Sektenkampagne gegen uns.
Das "Markgräfler Tagblatt" und der Schweizer
"Blick" brachten in großer Aufmachung eine
pornographische Berichterstattung, die dann ungeprüft
von Zeitung zu Zeitung weitergereicht und um neue Zutaten
bereichert wurde. Plötzlich kursierten angebliche Duhm-Zitate,
die mit meiner und unserer Arbeit nichts zu tun hatten.
Es kann sein, daß ich manchmal satirische Antworten
auf gemeine Fragen gab. Es war nicht immer leicht, friedlich
zu bleiben. Wir sahen uns mit dem Phänomen konfrontiert,
daß trotz ausführlicher Interviews und den Zusagen
einer fairen Berichterstattung am nächsten Tag nicht
dieser Bericht, sondern nur die Aussagen eines Sektenpfarrers
in der Zeitung standen. Journalisten erzählten uns,
daß sie von vornherein den Auftrag erhalten hatten,
einen gründlichen Verriß zu bringen. Alle diese
Vorgänge sind präzise dokumentiert in dem Buch
"Sommercamp im Wilden Westen" (Verlag Meiga).
5. Das ZEGG (Zentrum für
experimentelle Gesellschaftsgestaltung) geht zurück
auf eine alte Idee von mir, wurde aber weder von mir gegründet
noch geleitet. Die Trägergruppe des ZEGG besteht vorwiegend
aus Menschen, die schon bei dem Gemeinschaftsexperiment
im Schwarzwald dabei waren und zu denen nach wie vor eine
solidarische Verbindung besteht. Aber das ZEGG geht einen
eigenen Weg. Einige Mitarbeiter des ZEGG fühlen sich
dem Projekt MEIGA verbunden, andere nicht. Die Gedanken
von Dezentralisierung und Autonomie gehören zum geistigen
Grundbestand des Netzwerkgedankens. Für die Träger
von MEIGA gibt es keine Durchsetzung von Machtpositionen,
sondern die ständige Arbeit an sich selbst im Sinne
einer steigenden Friedensfähigkeit und Dienstbereitschaft.
Ich selbst habe mich nie als Guru gesehen, sondern einiges
dafür getan, um derartige Verklärungen abzubauen.
6. Für den Aufbau funktionierender
und gewaltfreier Systeme brauchen wir alle integrierbaren
Kräfte und Möglichkeiten des Menschen und nicht
nur diejenigen, die von einer gegenwärtigen Ideologie
oder Modeströmung zugelassen werden. Deshalb haben
wir neben den politischen und ökologischen Gedanken
auch die Kraftquellen der Kunst, der Sexualität und
der Religion immer mehr in unsere Arbeit aufgenommen. Wir
suchen das Heil nicht in der Vergangenheit, beschäftigen
uns aber zunehmend mit matriarchalen und spirituellen Quellen
menschlicher Kulturbildung, mit den Friedenskonzepten hochentwickelter
Urvölker, auch mit Gedanken des gewaltfreien Buddhismus
(Ashoka) und des authentischen Christentums. Wir tun dies
nicht im Sinne eines willkürlichen Eklektizismus, sondern
einer geistigen Gesamtschau, die wir heute brauchen, um
unseren gegenwärtigen Standort in Geschichte und Schöpfung
zu finden und eine fundierte Friedensvision zu entwickeln.
7. Das Netzwerk MEIGA vertritt
eine Kulturidee, die nicht fixiert ist auf ein bestimmtes
Rezept, eine feste Richtung, eine lineare Wahrheit oder
eine geheimnisvolle Weltformel. Solche Fixierungen sollen
ja gerade überwunden werden zugunsten einer zukunftsweisenden
Gesamtentwicklung. Geistige Monokultur wird ersetzt durch
die Vielfalt der Annäherungen. Es ist natürlich,
daß sich aus einer so hochkomplexen Bewegung heraus
gelegentliche Mißverständnisse und Verzerrungen
ergeben - aber niemals die, die uns angelastet werden. Zu
unserer Arbeit gehört immer die Bereitschaft zur Selbstkorrektur,
ohne dabei die Ziele aus den Augen zu verlieren. Dogmatismus,
Uniformismus und angepaßte Glaubensbekenntnisse haben
in dieser Entwicklung keinen Platz (ich habe mich schon
als Schüler in der Kirchenarbeit und später als
Student im Mannheimer SDS dagegen gewehrt). Es geht um grundlegende
Forschungsarbeiten zu den menschlichen, philosophischen,
technologischen und politischen Fragen der Zukunft und nicht
um fertige Glaubensbekenntnisse. Das ganze Projekt begann
als ein zeitgeschichtliches Forschungsprojekt für alle
Fragen einer wünschenswerten und realisierbaren Zukunft.
An diesen Forschungsfragen arbeiten wir heute intensiver
denn je. Alle solidarischen Kräfte unserer Zeit sind
zum Mitdenken herzlich eingeladen.
8. MEIGA ist geplant als
ein offenes Netzwerk von Friedensarbeitern und entstehenden
Zukunftsgemeinschaften. Es ist nicht gebunden an einzelne
Gruppen und Projekte. Mitarbeiten können alle engagierten
Menschen, sofern sie beim Stichwort der freien Liebe nicht
gleich die Fassung verlieren. Aber auch in diesem Punkt
ist keine Übereinstimmung vorausgesetzt. Vorausgesetzt
ist lediglich die Bereitschaft zu menschlicher Solidarität
und zu aktiver Friedensarbeit, auch gegenüber Tieren.
Wer im Inneren noch gewaltorientierte, totalitäre oder
sexualfeindliche Gedanken hegt und trotzdem mitarbeiten
möchte, wird sehr gründlich umdenken müssen.
Die innere Annäherung an die Grundgedanken erfolgt
durch Mitarbeit und EIGENES Nachdenken. Die sogenannten
"Aussteiger", die uns bekannt sind, stehen mit
uns immer noch in einer losen freundschaftlichen Verbindung.
Andere Aussteiger sind uns nicht bekannt. Ich bitte in diesem
Zusammenhang alle verantwortlichen Stellen, nicht weiterhin
diese allzu handlichen Formeln von "Guru", "Anhängerschaft",
"Aussteigern" etc. zu benutzen, sondern genauer
hinzuschauen, was bei uns wirklich geschieht. (Man könnte
auch einmal davon ausgehen, daß wir die Wahrheit sagen.)
9. Das Projekt bejaht ausdrücklich
die Werte von Vertrauen, Treue und Partnerschaft in der
Liebe. Partnerschaft und freie Liebe schließen sich
nicht aus, sondern ergänzen einander. Wir brauchen
für die Liebe neue geistige und ethische Grundlagen.
Liebe braucht Vertrauen, und Vertrauen braucht Wahrheit.
Zu den Grundgedanken des Projekts gehört die Wahrheit
in der Liebe und die Überwindung jener inneren und
äußeren Strukturen, die uns zur Unwahrheit veranlassen.
Ohne den tieferen Hintergrund von Wahrheit und Vertrauen
ist der Begriff der freien Liebe, wie wir ihn entwickeln,
sinnlos. Freie Sexualität und freie Liebe bedeuten
nicht wahllose Promiskuität, sondern vertiefte, verbindliche
Beziehungen. Auch gleichgeschlechtliche Beziehungen werden
in diese Gedanken einbezogen und nicht aus dem Projekt ausgegrenzt.
Erforderlich für die Verwirklichung dieser Ziele ist
eine grundlegende Veränderung der vorherrschenden gesellschaftlichen
Geschlechterrollen und Liebesbilder. Die Richtung dafür
haben wir sehr ausführlich beschrieben in den Büchern
"Weiche Macht" von Sabine Lichtenfels und "Der
unerlöste Eros" von Dieter Duhm. Erkennende Liebe
und die wiedergefundene Solidarität der Geschlechter
sind Grundlagen einer gewaltfreien Kultur.
10. Das Netzwerk MEIGA wird wie auch das ZEGG weitgehend
von Frauen getragen. Es gibt weder Sexismus noch Frauenverachtung.
Der hohe Rang, den die Frau in prähistorischen Kulturen
einnahm, entstammte einer weiblichen Kraft- und Wissensquelle,
die heute von Frauen UND von Männern wiederentdeckt
und integriert werden muß. Von dieser Höhe ihres
ursprünglichen Ranges aus ist es zu verstehen, wenn
wir sagen, die Frau sei die natürliche seelische und
sexuelle Anlaufstelle des Mannes. Sie ist dies nicht - wie
uns unterstellt wird - im Sinne eines Lustobjektes, sondern
in Gestalt des immer gesuchten Pols. Sie lernt es, diese
souveräne Verantwortung anzunehmen und sich gerade
NICHT mehr ohne ihren Willen hinzugeben. Wir versuchen,
die fundierteren Ansätze feministischer Theologie in
ein kulturelles Gesamtkonzept zu bringen, welches von Sabine
Lichtenfels in ihrem neuesten Buch "Weiche Macht"
beschrieben worden ist. Wir befürworten natürlich
keine Vergewaltigung von Frauen, und ich versichere, daß
weder im ZEGG noch an sonst einem mit MEIGA verbundenen
Platz derartiges getan oder gepredigt wurde. Gerade weil
wir das Thema sehr ernst nehmen, versuchen wir, nicht nur
seine Symptome, sondern auch seine Ursachen zu sehen und
aufzulösen. Hier hilft kein Ressentiment, hier hilft
nur noch Erkenntnis und eine grundlegende Veränderung
der herrschenden Strukturen. Es geht um einen revolutionären
Vorgang, der nicht mehr mit der harten Kraft des Hasses
verbunden ist, sondern mit der weichen Kraft des Verstehens.
11. Die gemeinste Behauptung,
die über Presse und andere Eiferer gegen uns vorgebracht
wird, lautet, im Projekt werde Sex mit Kindern betrieben
und Kindesmißbrauch befürwortet. Das genaue Gegenteil
ist natürlich der Fall. Wir haben immer wieder erklärt,
warum Sex mit Kindern nichts zu tun hat mit sexueller Befreiung.
Der sexuelle Mißbrauch von Kindern ist eines der schlimmsten
Krankheitssymptome unserer Zeit, und wir nehmen die Täter
keineswegs in Schutz. Sehr schlimm sind aber manchmal auch
die Methoden, mit denen Menschen des Mißbrauchs bezichtigt
und Kinder zu entsprechenden "Geständnissen"
gebracht werden. Hier ist eine Kettenreaktion von Verdächtigung
und Haß entstanden, die wir nur auflösen können
durch eine innere Heilung jener tiefen Wunden, die wir alle
im Bereich von Liebe und Sexualität irgendwann empfangen
haben.
12. Das Netzwerk MEIGA vertritt
eine Ethik der Hilfe und Verantwortung für alle Kreatur.
Wir haben Heimat und Schutz geboten für bedrohte Kinder
und heimatlose Jugendliche, für Menschen und Tiere
in Not. Mitarbeiter des Netzwerks haben nach der Maueröffnung
Hilfsgüter in russische Krankenhäuser gebracht
(Aktion Perestroika), was dann abgebrochen werden mußte,
weil die Aktion als "Tarnorganisation einer Psychosekte"
bezeichnet worden ist. Wir wünschen eine Zusammenarbeit
mit engagierten Tierschützern, mit Amnesty International,
mit der Gesellschaft für bedrohte Völker und mit
allen, die durch ihre Taten zeigen, daß sie es ernst
meinen. Ich sage dies alles nicht, um uns zu rühmen,
sondern um das Netzwerk MEIGA in ein wahrheitsgemäßes
Licht zu stellen. Man karikiert uns als "Weltverbesserer".
Das gilt heute als Schimpfwort. Tatsächlich: wir möchten
es gerne sein oder werden, und wir wären glücklich,
wenn als Folge unserer Arbeit mehr Friede und weniger Gewalt,
mehr Liebe und weniger Angst, mehr Erkenntnis und weniger
Ignoranz auf der Erde wären. Wir glauben an die Möglichkeit
eines anderen Daseins für alle Wesen, und wir wollen
mitwirken an einem globalen Feld für seine Verwirklichung.
Dieses Informationsblatt und weitere
Informationen können kostenlos angefordert werden bei:
IGF (Institut für globale Friedensarbeit),
Email:
igf@tamera.org
LITERATUR:
Dieter Duhm:
Synthese der Wissenschaft, 1979
Aufbruch zur neuen Kultur, 1993 (vergriffen)
Der unerlöste Eros, 1991
Politische Texte für eine gewaltfreie Erde, 1992
Gewaltlosigkeit (Broschüre), 1989
Die heilige Matrix, 2001
Sabine Lichtenfels:
Rettet den Sex - ein Manifest von Frauen für einen
neuen sexuellen Humanismus, 1988
Der Hunger hinter dem Schweigen, 1992
(vergriffen)
Weiche Macht, 1996
Traumsteine, 2000
Quellen der Liebe und des Friedens, 2001
Bumb/Möller:
Sommercamp im Wilden Westen (die Dokumentation der Sektenkampagne
mit grundsätzlichen Stellungnahmen des Projektes MEIGA),
Radolfzell 1990
Leila Dregger:
Meiga - eine provozierende Kulturidee in der Auseinandersetzung
(Literaturarbeit 1996)
Die Bücher sind im Buchhandel
erhältlich oder bei:
Ramona Stucki Buchversand
Rosa-Luxemburg-Str.89
14806 Belzig
Tel/Fax: 033841-595 88
ramona.stucki@t-online.de
www.mir.org/buchhandel
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